Strategie

Obduktion einer Projektleiche

Von am 26.01.2026

Was für ein Desaster! Das letzte Projekt ist grandios gescheitert – und niemand weiß so recht, warum. Die Pre-Mortem-Methode setzt genau hier an: Das Projektteam versetzt sich in die Zukunft und tut so, als sei das Projekt bereits gescheitert. Aus dieser Perspektive wird dann rückwirkend analysiert, was dazu geführt haben könnte. Ziel ist es, mögliche Stolpersteine aufzudecken, bevor sie zum echten Problem werden.

Die Geschäftsführung eines kleinen Automobilzulieferers aus Bayern war von ihrer neuesten Idee geradezu elektrisiert: Es sollte ein bahnbrechendes Produkt werden, auf Basis einer neuen Technologie, 20 Prozent günstiger als das Vorgängermodell. Ein Produkt, das den Markt revolutionieren würde! – Zwei Jahre später hatte sich das Bild gewandelt. Kaum noch jemand glaubte an den Projekterfolg. Lediglich die Geschäftsführung hielt den Pleitegeier, der über dem Projekt kreiste, für einen stolzen Adler im Aufwind. Gegenüber den Kunden blieb sie bei den Terminzusagen, obwohl jeder Projektbeteiligte wusste, dass der Projektplan obsolet war. Als das Projekt dann mit 24 Monaten Verspätung abgeschlossen wurde, war das Produkt längst keine Innovation mehr, und das Budget hatte alle Grenzen gesprengt.

Die meisten von uns haben wahrscheinlich schon an Projekten mitgearbeitet, in denen es überzogene Erwartungen gab und die schlussendlich gescheitert sind. In diesen Fällen führt man dann oft ein „Post-Mortem“ oder „Leassons Learned“ durch, in dem man das Projekt Revue passieren lässt und nach den Gründen für das Scheitern sucht. Die Stimmung in solchen Veranstaltungen gleicht meist eher einer Beerdigung. Kein Wunder, denn die Beteiligten können ohnehin nichts mehr ausrichten.

Wenn sich ein Projektteam nicht aktiv mit Risiken auseinandersetzt, entsteht eine gefährliche Mischung aus Blindheit, Euphorie und fehlender Vorbereitung. Unentdeckte Risiken können sich unbemerkt zu großen Problemen entwickeln, die später viel Zeit, Geld und Nerven kosten.

Foto: Katherine Kromberg auf Unsplash

Die Idee eines Pre-Mortems

Im Gegensatz zum „Post-Mortem“ macht man das „Pre-Mortem“ zu Beginn des Projekts. Dabei versetzt man sich gedanklich in eine Zukunft, in der das Projekt spektakulär gegen die Wand gefahren ist. Das Team nimmt also das Scheitern vorweg und tut einfach so, als sei das Kind schon in den Brunnen gefallen. Aus dieser hypothetischen Haltung heraus kann man sich ganz entspannt fragen: „Okay … was ist passiert?“ Ziel ist es, mögliche Stolpersteine aufzudecken, bevor sie zum Problem werden.

Die Idee für die Pre-mortem-Methode stammt ursprünglich von Gary Klein und wird auch von Daniel Kahneman in seinem Buch „Schnelles Denken, Langsames Denken“ aufgegriffen. Diese besondere Form der „Obduktion“ schafft gemeinsame Klarheit über kritische Faktoren und ermöglicht es, Schwachstellen frühzeitig zu beseitigen, bevor sie das Projekt tatsächlich gefährden.

Der Ablauf eines Pre-Mortems

Ein Pre-Mortem folgt meist einem klar strukturierten Ablauf in vier Schritten:

  • Den Rahmen setzen
    Die Besprechung beginnt mit einer kurzen Ansprache, in der der Rahmen für das Pre-Mortem definiert wird: „Stellt Euch vor, wir befinden uns ein Jahr in der Zukunft. Wir haben den Plan in seiner jetzigen Fassung umgesetzt. Das Ergebnis war eine Katastrophe. Nehmt Euch bitte fünf bis zehn Minuten Zeit, um eine kurze Geschichte dieser Katastrophe zu schreiben …“ Das Team wird eingeladen, offen über mögliche Ursachen für das Scheitern nachzudenken. Diese gedankliche Zeitreise schafft Abstand zum aktuellen Optimismus und öffnet den Blick für mögliche Probleme. Jede Person sammelt für sich Gründe, Szenarien und Auslöser des Scheiterns – ohne Diskussion.
  • Den Misserfolg visualisieren
    Die Teilnehmenden teilen ihre Gedanken. Alle möglichen Gründe – realistisch, absurd oder ungewöhnlich – werden gesammelt, ohne sie zu bewerten. Es bietet sich an, die Ideen mittels Post-its zu visualisieren. Dies zwingt die Teilnehmer/innen zu Beginn, nicht zu sehr ins Detail zu gehen und macht die spätere „Weiterverarbeitung“ leichter. In der Liste des Scheiterns können sich verschiedene Punkte finden, beispielsweise starke Konkurrenz, Streit im Team oder technische Mängel.
  • Die Risiken priorisieren
    Im dritten Schritt werden die gesammelten Risiken gemeinsam sortiert und verdichtet. Ähnliche oder zusammenhängende Punkte werden zu Themenclustern gebündelt, sodass klare Problemfelder sichtbar werden. Anschließend bewertet das Team, welche Risiken besonders kritisch sind – etwa anhand ihrer vermuteten Eintrittswahrscheinlichkeit und möglichen Auswirkungen. Diese Priorisierung sorgt dafür, dass die wichtigsten Gefahren nicht in der Menge untergehen, sondern gezielt weiterbearbeitet werden.
  • Notwendige Maßnahmen ableiten
    Im letzten Schritt entstehen aus den priorisierten Risiken konkrete, umsetzbare Maßnahmen. Das Team überträgt jedes zentrale Problem in klare Präventions- oder Gegenmaßnahmen und legt fest, wer wofür verantwortlich ist. Wichtig ist, die Ideen so zu formulieren, dass sie realistisch, eindeutig und nachvollziehbar sind. So wird aus einer reinen Risikoanalyse ein praktischer Maßnahmenplan, der unmittelbar ins Projekt einfließen kann und die Chance auf Erfolg deutlich erhöht.

Statt das Team gedanklich in die Zukunft zu versetzen, kannst Du auch mit einer anderen Frage in eine abgewandelte Form eines Pre-Mortem starten: “Was müssen wir tun, um den Karren so wirklich an die Wand zu fahren?”. Diese provokante Frage lädt dazu ein, bewusst all jene Schritte auszusprechen, die das Vorhaben gegen die Wand fahren würden. Das wirkt oft spielerischer und lockerer, führt aber zu ebenso wertvollen Erkenntnissen. Der Ablauf folgt dabei den gleichen Schritten wie beim klassischen Pre-Mortem.

Der Mehrwert der Pre-Mortem Methode

Die Pre-Mortem-Methode bietet einen erheblichen Mehrwert, weil sie Denkmuster aufbricht und eine offenere Risikokultur ermöglicht. Indem das Team so tut, als sei das Projekt bereits gescheitert, verlieren Einwände ihren „negativen“ Beigeschmack – Gruppendenken weicht ehrlicher Analyse. Gleichzeitig bremst die Methode übertriebene Euphorie und macht verborgene Risiken sichtbar, die bei klassischen Bewertungen leicht übersehen werden. Der spielerische Blick auf die hypothetische „Projektleiche“ schafft zudem Lockerheit und fördert kreative, ungewohnte Gedanken. Und: Wird ein Risiko als bereits eingetreten betrachtet, steigt die Dringlichkeit automatisch – konkrete Maßnahmen entstehen schneller und präziser, als wenn Gefahren nur vage „irgendwann“ drohen. Kurz gesagt: Ein Pre-Mortem kann beim Identifizieren von Risiken helfen, die man sonst nie entdeckt hätte.

Survival-Tipps

  • Für ein Pre-Mortem brauchst Du die richtigen Leute. Stell ein Team zusammen, das die Fähigkeit hat, das Vorhaben ganzheitlich zu betrachten.
  • Schaffe einen offenen, sicheren Raum. Nur wenn Kritik erlaubt ist und niemand bewertet wird, trauen sich die Beteiligten, unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
  • Lade die Beteiligten geradezu ein, mal richtig einen rauszuhauen und den Bogen gerne auch mit einem Augenzwinkern zu überspannen. Auch absurde Gedanken können auf echte Schwachstellen hinweisen.
  • Priorisiert die identifizierten Risiken, sonst verliert sich das Team in einer langen Liste und fokussiert nicht die wesentlichen Gefahren, die im Projekt lauern.
  • Diskutiert im Team potenzielle Auswirkungen auf das Vorhaben. Übersetzt die gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Maßnahmen – sonst verpufft die Wirkung des Workshops.
  • Stelle sicher, dass die entwickelten Ideen und Maßnahmen auch Einfluss auf das tatsächliche Geschehen im Projekt haben.

Mario Neumann

Der Trainer und Autor schreibt seit 2021 in diesem Online-Magazin locker und pragmatisch über Projektmanagement. Für seine Arbeit wurde er schon mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Internationalen Deutschen Trainingspreis und dem Weiterbildungs-Innovationspreis. Alle seine Bücher, Seminare und Vorträge findest Du auf marioneumann.com.