Teams

Ein Team wie ein Zoo

Von am 07.08.2025

Gerne frage ich Menschen nach ihren Ansichten, Strategien und Thesen, da mich ihre Arbeit und Standpunkte faszinieren. Für meine Kolumne NACHGEFRAGT habe ich mit dem selbständigen Berater und Buchautor Andreas Schobesberger gesprochen. Er ist davon überzeugt, dass „Teamtiere“ die Vielfalt in einem Team sichtbar machen können. Ich habe ihn gefragt, wie die Arbeit mit Teamtieren funktioniert.

Mario: Andreas, Sie haben in Ihrem Buch geschrieben, es wäre am einfachsten, wenn man sich fünfmal klonen könnte. Warum haben Sie diese Aussage gemacht, und was möchten Sie damit ausdrücken?

Andreas: Das war eine humorvolle Übertreibung, mit der ich auf einen wichtigen Punkt hinweisen wollte. Es geht darum, dass in einem Team die Menschen sehr unterschiedlich sind. Manche sind schon seit Jahren im Unternehmen und kennen die Regeln sowie die Arbeitsabläufe sehr gut. Leider sind viele dieser Regeln informell und nicht schriftlich festgehalten, die Arbeitsprozesse sind nur unzureichend dokumentiert. Für neue Mitarbeiter ist es deshalb schwierig, sich schnell zurechtzufinden, weil sie ständig nachfragen müssen. Oft erfahren sie erst durch Fehler oder Missverständnisse von bestimmten Regeln – manchmal erst dann, wenn sie dagegen verstoßen haben und von den erfahreneren Kollegen getadelt werden.

Mario: Das klingt nach einer Herausforderung für das Onboarding neuer Teammitglieder. Was ist Ihrer Meinung nach der positive Aspekt an dieser Situation?

Andreas: Der positive Aspekt liegt darin, dass durch die neugierigen Rückfragen und die Experimentierfreude der neuen Mitarbeitenden oft Prozesse verbessert werden. Innerhalb weniger Wochen entstehen so Optimierungen, die mehrere Stunden Arbeit pro Woche einsparen. Diese Verbesserungen wären ohne die frischen Perspektiven und das Hinterfragen der bestehenden Abläufe kaum möglich gewesen. Das zeigt: Wenn alle gleich wären – also „Klone“ – würde diese Dynamik fehlen. Vielfalt im Team ist eine enorme Stärke.

Mario: Sie sprechen von Vielfalt als Stärke im Team. Warum ist es so wichtig, die unterschiedlichen Fähigkeiten und Verhaltensweisen der Teammitglieder zu kennen?

Andreas: Ein Team lebt von Vielfalt – nicht nur in Bezug auf fachliche Kompetenzen, sondern auch hinsichtlich Denkweisen, kultureller Hintergründe und Persönlichkeiten. Dieses breite Spektrum bringt unterschiedliche Perspektiven mit sich, was wiederum die Kreativität fördert und innovative Lösungen ermöglicht. Ein tiefgehendes Verständnis füreinander schafft die Grundlage für effektive Zusammenarbeit, gegenseitiges Vertrauen und eine positive Teamkultur.

Mario: Welche konkreten Vorteile ergeben sich daraus für den Teamerfolg?

Andreas: Wenn wir die Fähigkeiten und Verhaltensweisen unserer Kollegen kennen, können wir Aufgaben optimal verteilen – jeder übernimmt das, was er am besten kann. Das führt zu effizienteren Projekten und besseren Ergebnissen. Außerdem verbessert sich die Kommunikation: Wenn wir wissen, wie jemand kommuniziert oder Entscheidungen trifft, lassen sich Missverständnisse vermeiden und der Informationsfluss wird reibungsloser. In einer Atmosphäre des Vertrauens fühlen sich Teammitglieder sicher genug, um kreative Ideen einzubringen – was wiederum die Innovation fördert. Zudem können potenzielle Konflikte frühzeitig erkannt werden: Wer seine Kollegen kennt, weiß besser um deren Präferenzen und Verhaltensweisen und kann entsprechend reagieren. Nicht zuletzt steigt auch die Motivation: Wenn sich jeder wertgeschätzt fühlt und seine Stärken anerkannt werden, wächst das Engagement für gemeinsame Ziele.

Andreas Schobesberger, M.A., studierte Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsuniversität Wien. Er besitzt 16 Jahre Erfahrung als Projektmanager und Erfahrung im Coaching von ca. 50 komplexen Projekten und Programmen. Er fokussiert sich bei seiner Arbeit als selbständiger Berater und Trainer auf die Themenbereiche (agiles) Projektmanagement und effektive Workshopgestaltung. Seit 16 Jahren begleitet er Unternehmen bei ihren Veränderungsvorhaben als Enterprise Agile Coach, als Trainer für agile Arbeitsweisen und Projektmanagement sowie als Sparring Partner bei der Suche nach der richtigen Lösung für die aktuellen Herausforderungen.

Mario: Sie betonen auch die Bedeutung eines tieferen Verständnisses im Team vor dem Blick auf Produkte oder Kunden. Warum ist das so wichtig?

Andreas: Weil ein gutes Miteinander im Team Voraussetzung dafür ist, dass alle anderen Aspekte erfolgreich funktionieren können. Wenn wir uns selbst besser verstehen und unsere Unterschiede akzeptieren lernen, fällt es leichter zu erkennen, dass unterschiedliche Sichtweisen keine Kritik an der Person sind – sondern vielmehr verschiedene Herangehensweisen an ein Thema darstellen. Dieses Verständnis schafft eine offene Haltung gegenüber anderen Meinungen und erleichtert den Umgang mit Konflikten oder Meinungsverschiedenheiten.

Mario: Es gibt verschiedene Methoden zur Analyse von Teamprofilen wie MBTI oder DISC. Was halten Sie von diesen Ansätzen?

Andreas: Diese Modelle bieten hilfreiche Einblicke in Persönlichkeitsmuster und Kommunikationsstile. Sie helfen dabei zu verstehen, warum Menschen unterschiedlich reagieren oder arbeiten. Für meinen Ansatz habe ich mich jedoch bewusst für eine andere Methode entschieden: Die Verwendung von Tiercharakteren als Metaphern für Verhaltensweisen im Team.

Mario: Können Sie uns mehr über diese Tier-Analogie erzählen? Wie funktioniert das Konzept der „Teamtiere“?

Andreas: Bei den „Teamtieren“ handelt es sich um eine kreative Methode zur Kommunikation über Persönlichkeitsmerkmale im Team. Es gibt insgesamt 28 verschiedene Tiere – darunter Geparden, Bienen, Igel, Wölfe, Spinnen, Flamingos oder Adler – denen jeweils fünf Charaktereigenschaften zugeschrieben werden. Das Verhalten dieser Tiere wird in Bezug auf ihre Rolle im Team beschrieben: Einige Tiere sind stark und beschützend wie Gorillas; andere niedlich und kooperativ wie Kaninchen. Dabei sind einige Beschreibungen positiv formuliert; manche enthalten auch vorsichtige Warnhinweise für den Umgang miteinander.

Mario: Manche Tiere erscheinen auf den ersten Blick negativ – etwa Schnecken oder Igel. Warum ist es trotzdem sinnvoll, diese Eigenschaften zu berücksichtigen?

Andreas: Weil auch diese Tiere wichtige Beiträge leisten können: Schnecken beispielsweise sind geduldig und beharrlich; Igel schützen ihre Ressourcen gut durch Vorsicht und Zurückhaltung. Es geht darum zu erkennen: Jede Persönlichkeit hat ihre Stärken – manchmal versteckt hinter vermeintlich negativen Eigenschaften –, aber sie trägt zum Erfolg des Teams bei.

Mario: Wie kann dieses Verständnis dazu beitragen, Konflikte zu vermeiden oder konstruktiv damit umzugehen?

Andreas: Wenn wir wissen, warum jemand anders handelt oder reagiert – basierend auf seinem „Tier“ –, können wir Missverständnisse vermeiden oder schneller klären. Es erleichtert den Dialog erheblich: Wir sehen nicht mehr nur das Verhalten des anderen als Problem an, sondern verstehen dessen Beweggründe besser. Das schafft Akzeptanz und fördert eine respektvolle Zusammenarbeit.

Mario: Andreas, Sie betonen immer wieder die Bedeutung der Zuordnung eines Teamtiers durch die Person selbst. Können Sie uns erklären, warum diese Selbstzuordnung so zentral ist?

Andreas: Der wichtigste Punkt bei der Arbeit mit den Teamtieren ist genau dieser: Die Zuordnung erfolgt immer durch die Person selbst. Das bedeutet, dass jeder für sich entscheidet, welches Tier ihn am besten beschreibt. Diese Selbstwahrnehmung ist essenziell, weil sie authentisch ist und die individuelle Sicht auf sich selbst widerspiegelt. Es geht darum, ehrlich zu sich selbst zu sein und die eigenen Eigenschaften realistisch einzuschätzen. Eine alternative Variante, bei der neben der Selbstzuordnung auch das »Fremdbild« durch die Teammitglieder besprochen wird, sollte erst dann angewandt werden, wenn das Team gut eingespielt ist und sich alle Mitglieder bereits gut kennen. In diesem Fall kann ein gemeinsames Feedback dazu beitragen, Missverständnisse aufzuklären und das Verständnis füreinander zu vertiefen.

Mario: Sie erwähnen, dass die Teamtiere zunächst nur als lockerer Einstieg dienen und keine tiefgehenden Analysen darstellen. Wie läuft diese Übung konkret ab?

Andreas: Nach einem kurzen Check-in lernen die Teammitglieder die verschiedenen Teamtiere kennen und lesen sich in Ruhe die Beschreibungen durch. Damit für Bewegung im Raum gesorgt wird, werden die Tiere überall verteilt – an verschiedenen Stellen im Raum. Dann sucht sich jeder das Tier aus, das ihm am ehesten entspricht. Es dürfen auch mehrere Personen beim selben Tier bleiben. Sobald alle eine Entscheidung getroffen haben, stellt sich jeder reihum vor – natürlich mit Bezug auf die Eigenschaften des gewählten Tieres. Es kann vorkommen, dass jemand zögert oder sagt: „Normalerweise bin ich ja eher ein Delphin, aber momentan fühle ich mich wie ein Frosch.“ Das ist völlig in Ordnung. Die Tiere sind tolerant und akzeptieren Veränderung. Falls es Fragen zu den Vorstellungen gibt, können diese gern geklärt werden; tiefere Diskussionen sollten aber vermieden werden, da diese Übung nur den Einstieg darstellt.

Mario: Warum legen Sie so viel Wert darauf, dass diese Übung nur eine Aufwärmübung ist?

Andreas: Weil es hier vor allem darum geht, Vielfalt sichtbar zu machen und einen ersten Eindruck von den unterschiedlichen Persönlichkeiten im Team zu gewinnen. Die eigentliche Zielsetzung liegt darin, Stärken und Schwächen zu erkennen und bewusst zu machen. Denn jeder Mensch bringt unterschiedliche Fähigkeiten mit – manche sind stark in bestimmten Bereichen, andere weniger. In einem idealen Team gleichen sich Schwächen durch Stärken aus. Das funktioniert allerdings nur dann gut, wenn diese Stärken und Schwächen auch bekannt sind.

Mario: Sie sprechen auch darüber, dass viele Menschen Angst haben, ihre Schwächen sichtbar zu machen – gerade bei neuen Teammitgliedern. Warum ist es so wichtig, offen über Schwächen zu sprechen?

Andreas: Das hat gravierende Folgen: Wenn in Stresssituationen plötzlich klar wird, wo eine Schwachstelle liegt – etwa bei Terminen oder Qualität –, kann das den Erfolg des Teams gefährden. Es wäre vermeidbar gewesen, wenn frühzeitig offen über Schwächen gesprochen worden wäre. Viele Teams unterliegen dem Irrglauben, alle Mitarbeitenden müssten ihre Schwächen ausbügeln – um Aufgaben gleichmäßig zu verteilen –, doch das führt oft zum Mittelmaß. Stattdessen sollte man sich auf die Stärken konzentrieren und Aufgaben entsprechend delegieren oder auslagern. Wenn man seine Stärken kennt und gezielt fördert – etwa einen Spezialisten oder „10x-Entwickler“ –, kann daraus Großartiges entstehen.

Mario: Wie können Teams besser mit ihren Stärken und Schwächen umgehen? Was empfehlen Sie?

Andreas: Es ist entscheidend, diese Eigenschaften sichtbar zu machen und offen darüber zu sprechen. Deshalb empfehle ich eine Übung: Jeder erstellt einen Steckbrief über sich selbst – mit seinen Stärken und Schwächen sowie Angaben zur Arbeitsweise und worauf bei der Zusammenarbeit geachtet werden sollte. Oft führen solche Übungen schon zu ersten „Aha-Momenten“: Man erkennt vielleicht warum man in bestimmten Situationen ungeduldig reagiert oder was einen überfordert.

Mario: Und was ist der beste Weg, um dieses Wissen im Team nutzbar zu machen?

Andreas: Der Schlüssel liegt im offenen Austausch – vor allem in Vier-Augen-Gesprächen statt in großen Gruppen. Dabei bekommt jede Person eine Minute Zeit für ihren Steckbrief; während dieser Zeit hört der Gesprächspartner aufmerksam zu ohne Unterbrechung. Danach können Verständnisfragen gestellt werden; gemeinsam wird reflektiert: Wie kann ich von den Stärken des anderen profitieren? Worauf sollten wir bei unserer Zusammenarbeit besonders achten? Diese Gespräche dauern meist nur 10 Minuten pro Person – aber sie sind äußerst aufschlussreich.

Mario: Welche Vorteile ergeben sich aus diesen Vier-Augen-Gesprächen für das Team?

Andreas: Sie sind oft Augenöffner. Manche entdecken erst jetzt die Stärken ihrer Kollegen oder verstehen endlich warum bestimmte Dinge bisher nicht optimal liefen. Für jeden Einzelnen entsteht dadurch ein tieferes Verständnis für die Arbeitsweisen anderer – manchmal sogar nach Jahren der Zusammenarbeit! Wichtig ist dabei auch: Wenn jemand mal nicht teilnehmen kann – etwa wegen Krankheit –, sollten diese Gespräche zeitnah nachgeholt werden. Die Erkenntnisse können anschließend dokumentiert werden – beispielsweise in Steckbriefen oder Kollaborationstools –, damit sie dauerhaft im Bewusstsein bleiben.

Mario: Wie sollte ein Team diese Erkenntnisse nutzen?

Andreas: Das Wichtigste ist: Die gewonnenen Informationen aktiv in den Alltag integrieren. Das bedeutet zum Beispiel bei der Aufgabenverteilung oder bei Meetings Rücksicht auf individuelle Präferenzen zu nehmen und gegenseitiges Verständnis aufzubauen. Schon nach wenigen Wochen wird man eine positive Veränderung in der Dynamik spüren; langfristig macht es das Team effizienter und schlagkräftiger – weil es seine Vielfalt wirklich nutzt.

Mario: Abschließend: Was wäre Ihr Tipp an Teams, um ihre Zusammenarbeit durch ein besseres Kennenlernen der Mitglieder zu verbessern?

Andreas: Nehmen Sie sich bewusst Zeit dafür! Nutzen Sie kreative Methoden wie Tier-Analysen oder offene Gespräche außerhalb des üblichen Arbeitsalltags. Zeigen Sie echtes Interesse an Ihren Kollegen – sowohl fachlich als auch persönlich –, denn nur so entsteht Vertrauen und eine positive Atmosphäre im Team.

Mario: Lieber Andreas, herzlichen Dank, dass ich bei Ihnen nachfragen durfte.

Starke Teams entwickeln

In der modernen Arbeitswelt bleiben die wahren Potenziale eines Teams oft ungenutzt. Die einzelnen Mitglieder arbeiten nebeneinander her, statt ihre vielfältigen Kompetenzen gezielt zu verknüpfen. Gerade angesichts des zunehmenden Wettbewerbs um qualifizierte Fachkräfte wird eine starke Teamkultur jedoch zum entscheidenden Wettbewerbsvorteil. Die in diesem Buch von Andreas Schobesberger vorgestellte 12-Wochen-Roadmap führt Teams systematisch zu einer neuen Qualität der Zusammenarbeit. In zwölf aufeinander aufbauenden Workshops entdecken die Teilnehmenden nicht nur ihre individuellen Stärken, sondern lernen diese auch gezielt im Teamkontext einzusetzen. Die praxiserprobten Workshop-Formate sind so gestaltet, dass die Teams sie eigenständig und ohne externe Unterstützung durchführen können.