Begegnungen und Beziehungen
Zwei Begriffe, die unterschiedliche Bedeutung haben, aber auch Ähnlichkeit. Es geht um soziale Konstellationen, die sich in ihrer Dauer, Intensität und Tiefe unterscheiden. Eine Begegnung beschreibt ein Treffen oder eine Interaktion zwischen zwei Personen. Sie nehmen sich gegenseitig wahr, lernen sich mehr oder weniger kennen, verstehen sich mehr oder weniger, bekommen mehr oder weniger miteinander zu tun. Es kann ein flüchtiger Kontakt oder ein bedeutungsvolles Zusammentreffen sein.
Begegnungen können einmalig oder mehrmalig, zufällig oder geplant stattfinden, sie müssen nicht unbedingt zu einer tieferen Verbindung führen. Die Begegnung allein erzeugt noch keinen Gedankenaustausch, kein Verständnis, keine Verpflichtung, keine Freundschaft oder Romantik.
Eine Beziehung hingegen beschreibt eine Verbindung oder ein Verhältnis, das über längere Zeit besteht und etwa durch familiäre, emotionale, soziale, funktionale oder vertragliche Bindungen geprägt ist. Beziehungen können verschiedene Formen annehmen, wie z.B. Freundschaft, Kameradschaft, Partnerschaft, Mitgliedschaft oder Warenaustausch. Sie beinhalten meist eine gewisse Tiefe und Beständigkeit.
Beziehungen beruhen aufAustausch, auf Geben und Nehmen. Deshalb können sie an Grenzen kommen, denn das Geben und Nehmen soll ausgeglichen sein. Beziehungen können gesucht oder frei gewählt werden. Sie können von vorn herein begrenzt oder kurzfristig angelegt sein, als Liebes-, Nachbarschafts-, Geschäfts-, Kunden- oder Kollegenbeziehung.
Unterschiede
Begegnungen sind oft kurz und einmalig, während Beziehungen oft längerfristig sind. In einer Begegnung liegen Chancen der Anknüpfung, der Kommunikation, Kooperation, Konkurrenz, auch der Beziehung oder Liebe. Eine Begegnung aber muss keine Fortsetzung haben.
Beziehungen implizieren meist eine stärkere Verbundenheit als Begegnungen, sie leben von kontinuierlichen Interaktionen und Entwicklungen. Ihre Beendigung kostet seelische Energie und verursacht manchmal Kummer und Schmerz. Eine Begegnung hingegen fühlt sich an wie ein kurzer Aufenthalt in der Ewigkeit.
Begegnung – Beginn einer Beziehung
Begegnungen können isolierte Ereignisse sein. Sie können aber auch der Beginn einer Beziehung sein, müssen es aber nicht. Die Wahrnehmung, ob man einem Menschen nur begegnet ist oder ob man mit ihm in einer Beziehung ist, hängt von den eigenen Erwartungen und vom sozialen Umfeld ab. Die Übergänge können fließend sein.
Wünscht jemand eine Beziehung auf einer bestimmten Ebene, zum Beispiel Freundschaft, Kameradschaft, Bekanntschaft, Nachbarschaft, Geschäftsbeziehung, Liebesbeziehung, so entsteht diese zunächst mit einer Begegnung.
Small Talk
hilft auf leichte Weise Kontakt zu knüpfen. Man darf nicht zu tief bohren, bleibt oberflächlich, aber das macht Sinn: Man kann erst einmal unverbindlich abchecken, wen man gegenüber hat, ob man auf einer Wellenlänge liegt und ob man die Begegnung vertiefen möchte. Wenn wir einem interessanten Menschen begegnen, bemerken wir eine Belebung, die wie von selbst gekommen ist.
Eine Begegnung wird zur Beziehung, wenn sie regelmäßig und verlässlich stattfindet. Der Übergang zur Beziehung erfordert Offenheit, Empathie und die Bereitschaft, sich dem anderen wirklich zu zeigen.
Foto: Matjaz Slanic auf istockphoto
Begegnungskultur
Gerade weil unsere Gesellschaft sich heute zunehmend über virtuelle Medien organisiert, braucht sie eine kompensatorische Kultur der persönlichen Begegnung. Encounter ist das englische Wort für Begegnung. Eine „Encountergruppe“ ist eine kleine, meist von einem Moderator oder Therapeuten geleitete Gruppe zur intensiven menschlichen Begegnung und damit zur Selbsterfahrung.
Begegnung in der Teamdynamik
Hier kann man beobachten, wie unterschiedliche Bedürfnisse und Werthaltungen miteinander in Einklang gebracht werden können. Eine Gruppe findet ohne Druck von außen, aus der reinen Begegnung von Mensch zu Mensch zur Anerkennung der Unterschiede. Die Gruppe kann sich dann, aus dieser Anerkennung heraus, auf ein gemeinsames Handeln einigen, das allen Beteiligten gleichermaßen gerecht wird. Sie kann kreativ und produktiv werden. In der Angewandten Teamdynamik kommen spezifische Formen der Begegnung zum Einsatz. Diese haben den Sinn, den Prozess von der Begegnung zur Beziehung optimal zu befördern.
Reihenbegegnung (Übung)
„Setzt euch gegenüber und schaut euch in die Augen. Es ist gut, so wenig wie möglich zu blinzeln. Schaut mit weichem Blick, schaut tiefer und tiefer, mit Liebe, ohne zu denken. Bald wirst du dir des Ozeans bewusst, der überall ist. Dann wirst du dir bewusst, dass du nur eine Welle bist, dein Ego ist die Schaumkrone einer Welle …“
Begegne den Menschen in der Reihenbegegnung, als würdest du ein Lied mit ihnen singen und betrachte jeden als teures Musikinstrument, mit Respekt, Liebe und Achtsamkeit – denn in jedem Menschen ist das Göttliche verborgen. In der Reihenbegegnung wirst du Menschen begegnen und hast Einblick in das Göttliche. Du brauchst keine Beziehung einzugehen, darfst nur schauen. Du siehst einen Teil von dir selbst.
Begegnung in der Partnerschaft
Begegnung verlangt Augenhöhe. Unausgeglichenes Geben und Nehmen kann zur Störung einer Beziehung führen. Denn wer mehr gibt, fühlt sich dem anderen entweder überlegen, womit sich die Partner nicht mehr gleichberechtigt begegnen können. Oder er wird böse, weil der Partner nicht genug zurückgibt. Wird das Ungleichgewicht so groß, dass ein Partner nicht mehr ausgleichen kann und förmlich in seiner Schuld erstickt, bleibt oft nur eine Lösung: Er muss gehen.
Begegnung in der Beziehung
„Beziehung“ meint nicht nur Partnerschaft, sondern schließt sämtliche Formen des intensiven Miteinanders mit ein, also auch intensive und nachwirkende Begegnungen. Wie offen sind wir für solche Begegnungen? Wie nahe lassen wir andere an uns heran? Und wie fern sind wir uns selbst im Umgang mit anderen? Eine soziale Phobie ist die dauerhafte Angst vor Begegnungen mit anderen Menschen und vor allem vor der Bewertung durch andere.
Die Kunst der Begegnung
handelt von jenem faszinierenden Moment, in dem sich Ich und Du in ein Wir verwandeln. In solchen magischen Momenten finden zwei Menschen zu sich selbst und zueinander – in einer Berührung, einem Lächeln, einem Blick in die Augen. Es ist der Moment, in dem die Grenzen verschwinden, weil die Gegensätze in einem größeren Ganzen aufgehen. Eine gute Beziehung spendet den vertrauensvollen Rahmen, uns immer wieder neu zu begegnen – zuallererst uns selbst, im und durch den anderen. Durch die besondere Kraft und Qualität einer echten Begegnung, erkennen wir nicht nur uns selbst, sondern auch die Bedeutung des Zusammenlebens. Gute, berührende und bewegende Momente der Begegnung machen die Welt liebenswert. Und wie oft erleben wir im Alltag nur die schale Form einer eingespielten Beziehung statt des reichen Inhalts einer Begegnung?
Warum wird die Magie einer Begegnung zugunsten einer Beziehung preisgegeben? Warum hat man es so eilig, in eine Beziehung zu kommen? Weil die Begegnung unsicher ist, eine Beziehung aber Sicherheit bietet. Eine Beziehung baut auf Gewissheit, man hält zusammen. Wenn man etwas gegeben hat, bekommt man auch etwas.
Hingegen ist eine Begegnung bloß ein Treffen von zwei Fremden, vielleicht nur ein paar Minuten, Stunden oder eine Nacht lang, irgendwann verabschiedet man sich. Wer weiß, was Morgen geschieht? Eine Begegnung ist vorbei, wenn sie gewesen ist. Sie bezieht sich auf das Jetzt, muss keine Konsequenzen haben, muss keine Spuren hinterlassen.
Mario Neumann
Als Autor und Trainer begleite ich Dich durch die abenteuerliche Welt der Projekte. Dafür wurde ich schon mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Internationaler Deutscher Trainingspreis und dem Weiterbildungs-Innovationspreis. Alle meine Bücher, Seminare und Vorträge findest Du auf marioneumann.com.