Keine Angst vor Kritik
In Projekten wird man häufig mit Kritik konfrontiert. Tagelang tüftelt man im Projekt an einer Problemlösung und platzt fast vor Stolz, wenn die Lösung endlich gefunden ist. Dein Chef sieht das jedoch ganz anders. Immer wieder hat er etwas auszusetzen und kritisiert, wo er nur kann. Egal ob vom Chef, den Kollegen oder vom Kunden – Kritik an der eigenen Arbeit steckt niemand so einfach weg.
Jens T. verantwortet als Projektleiter ein mittelgroßes IT‑Projekt. Sein Chef kritisiert ihn scharf: Die Lösung der akuten Netzwerkprobleme sei noch nicht gut genug; der Zeitplan gerät dadurch immer mehr ins Rutschen. Jens nimmt die Kritik zunächst persönlich, reagiert defensiv und weist die Kritik weit von sich. Er macht stattdessen seinen Chef für die neuerlichen Terminverschiebungen verantwortlich. Die Gespräche zwischen den beiden werden zunehmend hitziger. Zu allem Überfluss ignoriert Jens hilfreiche Hinweise aus seinem Team, wie man der Probleme Herr werden könnte. Bald meldet sich der Chef erneut zu Wort und fordert von Jens eine klare, transparente Problemanalyse sowie schnelle Korrekturmaßnahmen.
Mit Kritik umzugehen ist keineswegs einfach. Es ist wichtig, jede Kritik ernst zu nehmen und nicht einfach zurückzuweisen. Gerade als Projektleiter sollte man Kritik nicht persönlich nehmen, sondern versuchen, die Argumente mit einer gewissen emotionalen Distanz nachzuvollziehen. Kritik liefert oft wichtige Hinweise auf reale Probleme, Schwachstellen und unbeachtete Risiken. Nur der offene Umgang mit Kritik reduziert Konflikte und fördert gemeinsame Lösungen. Ohne diese Bereitschaft bleiben die Ursachen unentdeckt, was zwangsläufig Fehlentwicklungen fördert und immer neue Probleme nach sich zieht.
Wer als Projektleiter nicht mit Kritik umgehen kann, gefährdet schnell die Projektziele. Kritik liefert immer auch wichtige Informationen, macht Risiken sichtbar und bietet Lernchancen. Der professionelle Umgang mit Kritik, sollte deshalb unbedingt zum Repertoire eines Projektleiters gehören.
Wer viel arbeitet, muss sich neben viel Lob auch mit Kritik auseinandersetzen. Häufig wird Kritik als etwas Unangenehmes erlebt, was man am liebsten vermeiden möchte. Wenn wir kritisiert werden, reagieren wir verletzt. Wir gehen in die Defensive oder greifen den anderen an, was die Kommunikation nicht gerade erleichtert. Wer gelernt hat, mit Kritik richtig umzugehen, kann dieser Kritik selbstbewusster begegnen und auf den Gesprächspartner konstruktiv eingehen.
Foto: Vitaly Gariev auf Unsplash
Tipp 1: Nimm jede Kritik ernst!
Hören Sie Ihrem Kritiker genau zu, damit Sie seine Argumente nachvollziehen können und seine Sichtweise verstehen. Lassen Sie ihn ausreden und seinen Standpunkt erklären. Geben Sie Ihrem Gegenüber das Gefühl, dass Sie seine Kritik ernst nehmen und an seiner Meinung interessiert sind.
Die erste spontane Reaktion auf eine kritische Äußerung gegenüber der eigenen Person oder der eigenen Arbeit ist in den meisten Fällen die Abwehrhaltung. Trotzdem solltest Du darauf verzichten, Dich zu verteidigen oder sofort mit dem Kritiker zu diskutieren. Stattdessen ist es sinnvoll, die Kritik ernst zu nehmen und grundsätzlich davon auszugehen, dass der Gegenüber zumindest einen wahren Kern trifft. Dabei spielt es keine Rolle, wer die Kritik äußert oder worauf sie sich bezieht. Jede Kritik verdient eine ehrliche Prüfung:
- Ist die Kritik berechtigt?
- Welche Aspekte lassen sich darauf übertragen?
- Wie könnte man sie umsetzen?
Dabei ist es besonders wichtig, dem Gegenüber zuzuhören, ihn ausreden zu lassen und seinen Standpunkt detailliert zu erfassen. Gib ihm das Gefühl, dass Du seine Kritik ernst nimmst und an seiner Meinung interessiert bist.
Kritik ist immer auch Feedback zu unserem Handeln und liefert wertvolle Hinweise, oft auch über unbewusste Verhaltensmuster. Selbst wenn Kritik schmerzhaft oder unbequem ist, bietet sie Lerngelegenheiten. Ohne Kritik gäbe es keinen Lernprozess oder Weg zu Verbesserungen.
Tipp 2: Hinterfrage die Kritik!
Kritik sollte man nicht einfach hinnehmen, sondern hinterfragen und konkretisieren. Fordere Deine Kritiker auf, genau zu beschreiben, was sie stört und an welchen konkreten Beispielen sich ihre Kritik festmachen lässt. Frage nach, wie Du zukünftig besser handeln kannst, dann weißt Du exakt, worauf sich die Kritik stützt und wie Du sie umsetzen kannst. Im Anschluss daran solltest Du Dir die Zeit nehmen, über das Gesagte nachzudenken: Prüfe ehrlich, ob die Kritiker Recht haben, und gestehe Dir gegebenenfalls Fehler ein. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern zeigt, dass Du konstruktive Kritik annehmen und umsetzen kannst.
Wenn Kritik aufkommt, frage zunächst, was der andere damit meint, denn oft ist Kritik pauschal oder die Person statt der Sache wird angegriffen. Nur spezifische Kritik hilft, etwas zu verändern. Dahinter steht meist ein Anliegen oder Wunsch des Gegenübers: Seien es Termintreue, Qualität oder Zusammenarbeit. Häufig werden diese Wünsche nicht formuliert. Wenn Du diese Wünsche erkennst, erzeugt das Klarheit und lenkt die Kritik in eine konstruktive Richtung. Indem Du nach dem zugrundeliegenden Anliegen fragst, sollte es Dir gelingen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und Missverständnisse zu vermeiden.
Tipp 3: Nimm Kritik niemals persönlich!
Selbstverständlich ist es nie angenehm, von Anderen kritisiert zu werden und die eigenen Fehler präsentiert zu bekommen. Kritik fällt uns deshalb oft schwer, weil wir sie persönlich nehmen: Wir empfinden sie nicht selten als Angriff auf unsere Person statt als Hinweis auf die Sache oder auf Verhaltensweisen. Wichtig ist daher, klar zu unterscheiden: Im Job richtet sich Kritik in dem meisten Fällen überhaupt nicht gegen Dich persönlich, sondern sie bezieht sich vielmehr auf Deine Leistungen. Darüber solltest Du Dir im Klaren sein, wenn Du das nächste Mal kritisiert wirst. Es kann helfen, eine emotionale Distanz aufzubauen.
Gerade Menschen mit geringem Selbstbewusstsein tun sich damit schwer, doch eine klare Trennung erleichtert den Umgang: Kritik an der Sache ist nicht automatisch Kritik an unserer Person. Natürlich ist es unbequem, Fehler offen vor Augen geführt zu bekommen, doch auch wenn es schmerzt, sollten wir Kritik nicht als persönlichen Angriff verstehen. Diese Distanz hilft, sachlich zu bleiben und die Argumente des Gegenübers nachvollziehen zu können. Kritik ist zudem subjektiv gefärbt, daher muss man nicht auf jede Kritik reagieren. Man kann sie auch unbeantwortet lassen, sofern keine zwingende Handlung erforderlich ist, und gelegentlich deutlich machen, dass man eine unterschiedliche Meinung vertritt.
Tipp 4: Sieh Kritik als eine Chance!
Ohne die Äußerungen anderer wüssten wir oft nicht, wie wir uns verbessern können. Konstruktive Kritik ist deshalb sehr wichtig für unsere Entwicklung und den Aufstieg im Beruf. Nur, wenn wir aus unseren Fehlern lernen, können wir im Job weiterkommen. Kultiviere daher regelmäßiges Feedback im Job: Bitte Kollegen um Rückmeldungen zu Projekten, zeige Offenheit für Anregungen statt starrer Eigenideen, und bedanke Dich für ehrliche Meinungen, das macht einen guten Eindruck bei Deinen Kollegen. So erkennst Du frühzeitig Schwächen, an denen Du arbeiten kannst.
Regelmäßige Feedback-Gespräche mit dem Vorgesetzten sind ebenfalls sehr hilfreich: Du erhältst fortlaufend eine Leistungsbewertung und klare Hinweise, wo Du stehst und was Du verbessern kannst. Dieser Austausch ist besonders wertvoll, denn er schafft Transparenz, Orientierung und Lernmotivation. Durch die regelmäßige Rückmeldung und die damit einhergehende Kritik wirst Du merken, dass es Dir immer leichter fällt, mit kritischen Äußerungen umzugehen.
Tipp 5: Sei selbstkritisch!
Wenn Du kritisch mit Dir selbst und Deiner Arbeit bist, wirst Du auch mit Kritik von anderen Menschen deutlich besser umgehen können. Reflektiere also regelmäßig Dein Verhalten und Deine Leistungen im Job. Durch Selbstkritik betrachtest Du Deine Arbeit objektiv und löst subjektive Empfindungen von der Bewertung ab, was Dir ermöglicht, äußere Kritik nicht persönlich zu nehmen und Fehler einzugestehen.
Wer viel arbeitet, macht mehr Fehler; wer wenig arbeitet, macht weniger. Stehe zu Deinen Fehlern und versuche nicht, Ausreden zu finden. Zeige stattdessen, was Du tun willst, um den Fehler zu beheben; das signalisiert Deine Bereitschaft zur Veränderung. Denke daran: Auch für Dich gilt der Satz „Nobody is perfect!“.
Survival-Tipps
- Nimm die Kritik stets ernst und gehe zunächst immer davon aus, dass Dein Gegenüber Recht hat. Dabei spielt es keine Rolle, wer die Kritik äußert oder auf was sich die Kritik bezieht.
- Kritik solltest Du nicht einfach hinnehmen. Besser ist es, die Kritik zu hinterfragen. Fordere Deine Kritiker auf, ihre Kritik an Dir und Deiner Arbeit zu konkretisieren.
- Auch wenn es schwerfällt, solltest Du versuchen, Kritik nicht persönlich zu nehmen. Im Projekt richtet sich Kritik in dem meisten Fällen überhaupt nicht gegen Dich persönlich.
- Sieh es doch mal so: Ohne kritische Äußerungen anderer Personen wüsstest Du nicht, was Du besser machen kannst. Konstruktive Kritik hilft Dir, um Dich weiterzuentwickeln.
- Reflektiere regelmäßig Dein Verhalten sowie Deine Leistungen. Sei dabei ruhig besonders kritisch und ändere die Dinge, mit denen Du nicht zufrieden bist.
- Damit Du mit Kritik besser umgehen kannst, hilft es, wenn Du kritisch mit Dir selbst bist und Kritik als etwas Positives betrachtest.
Mario Neumann
Der Trainer und Autor schreibt seit 2021 in diesem Online-Magazin locker und pragmatisch über Projektmanagement. Für seine Arbeit wurde er schon mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Internationalen Deutschen Trainingspreis und dem Weiterbildungs-Innovationspreis. Alle seine Bücher, Seminare und Vorträge findest Du auf marioneumann.com.