Ein Haufen Idioten
Es gibt kaum ein Projekt, bei dem nicht irgendwann Konflikte auftreten. Missverständnisse, Meinungsverschiedenheiten, aber auch persönliche Animositäten – all das können Gründe für Konflikte sein. In den seltensten Fällen ist der Konflikt selbst das Problem, sondern die Dynamik, mit der sich dieser Konflikt in der Folge entwickelt. Was als kleine Meinungsverschiedenheit beginnt, führt irgendwann dazu, dass man die Gegenseite als „Idioten“ beschimpft.
Andreas W. arbeitet als IT-Projektleiter für ein namhaftes Beratungsunternehmen. Er hat mit seinem Team ein bedeutendes Projekt bei einem neuen Kunden gewonnen – die Entwicklung einer umfangreichen Service-App. Viele Beteiligte auf Kundenseite sind gespannt, aber auch nervös, weil sie zum ersten Mal in ein Großprojekt involviert sind. Zudem begleiten Skepsis und Unsicherheit das Projekt, da es Zweifel gibt, ob das Beratungsunternehmen die Anforderungen des Kunden versteht. Andreas und sein Team sind motiviert, eine hervorragende Lösung für den Kunden zu entwickeln. Eigentlich die idealen Voraussetzungen für ein erfolgreiches Projekt. Doch schon wenige Monate später treten eine Reihe von Konfliktsymptomen auf, die Andreas zunehmend beunruhigen.
Der erste Schritt zur Konfliktlösung besteht darin, Konflikte frühzeitig zu erkennen und den Umgang mit ihnen aufmerksam zu verfolgen. Mit Sensibilität lassen sich Spannungen frühzeitig wahrnehmen. Bei drei verschiedenen Aspekten kommt es zu Beeinträchtigungen: bei der Wahrnehmung, den Gefühlen und dem Willen. Diese Aspekte beeinflussen sich gegenseitig. Zudem gibt es Vorgänge in der Außenwelt, die das Verhalten der Kontrahenten im Konflikt zeigen. Es ist wichtig zu beachten, dass die inneren Vorgänge direkte Auswirkungen auf das äußere Verhalten haben. Ein frühzeitiges Erkennen dieser Dynamiken kann helfen, Konflikte rechtzeitig anzugehen und zu lösen, bevor das Projekt Schaden nimmt.
Wenn Konflikte unbeachtet bleiben, können sie sich schnell hochschaukeln und zu ernsthaften Problemen führen. Dies stört nicht nur die Teamdynamik, sondern beeinträchtigt auch die Kommunikation und führt fast zwangsläufig zu Verzögerungen und erhöhten Kosten.


Foto: Roland Steinmann auf Pixabay
Die Beeinträchtigung der Wahrnehmung
Im Konfliktfall ist unsere Wahrnehmungsfähigkeit stark beeinträchtigt. Die Sicht auf uns selbst, den Kontrahenten sowie auf die Probleme und Geschehnisse wird verzerrt und einseitig. Das bedeutet, dass unsere Aufmerksamkeit selektiv wird; wir sehen nur noch das, was wir sehen wollen. Gleichzeitig sinkt die Fähigkeit, den Sachverhalt und die Vorgänge umfassend zu erkennen und zu verarbeiten. Unsere Aufmerksamkeit arbeitet sehr selektiv, da die Kapazität unseres Gehirns begrenzt ist. Um das tägliche Übermaß an Informationen zu bewältigen, entwickelt unser Organismus Strategien zur Informationsverarbeitung.
Im Konflikt kann dieser Mechanismus dazu führen, dass ein Beteiligter seine Aufmerksamkeit zunehmend auf negative Informationen über den Gegner konzentriert. Dadurch wird eine differenzierte Betrachtung der Situation unmöglich. Diese selektive Aufmerksamkeit geschieht im Innenleben jedes Einzelnen, aber auch im Innenleben eines Teams. Andreas konnte in seinem Projektteam beobachten, wie die Gespräche eine andere Qualität annahmen: Die Teammitglieder sammelten negative Informationen über den Kunden. Äußerungen wie „Oh, ich sag‘ Dir gestern im Workshop …“ oder „Und das haben sie ja wieder gar nicht kapiert …“ wurden zur Norm.
Zusätzlich spielt unser Gehirn uns einen weiteren Streich: Im Konflikt vereinfacht sich die Verarbeitung von Informationen. Nur solche Informationen werden berücksichtigt, die ins Eskalationsschema passen und weitere Gründe liefern, um den Gegenüber anzufeinden. Alles, was nicht ins Schema passt, wird ignoriert. Diese Dynamik führt dazu, dass sich Missverständnisse und Vorurteile verstärken und eine konstruktive Lösung des Konflikts nahezu unmöglich wird. Ein Bewusstsein für diese eingeschränkte Wahrnehmung ist entscheidend, um aus der Negativspirale auszubrechen und wieder zu einer objektiven Sichtweise zurückzufinden.
Die Beeinträchtigung des Gefühlslebens
In Konfliktsituationen erleben wir oft ein eingeschränktes Gefühlsleben, das sich im Verlauf der Auseinandersetzung stark verändert. Zu Beginn des Konflikts sind beide Seiten häufig hin- und hergerissen zwischen Verstehen und Ablehnung, Sympathie und Antipathie. Doch mit der Zeit entwickeln sich starke Emotionen, die sich verfestigen und von denen sich die Konfliktparteien nur schwer wieder lösen können. Diese Gefühle gewinnen eine Art Eigenleben und beeinflussen unser Verhalten erheblich.
Ein bemerkenswertes Phänomen ist die übersteigerte Selbstwahrnehmung, bei der wir das äußere Geschehen und die Befindlichkeiten der anderen Partei kaum noch wahrnehmen. Stattdessen rücken unsere eigenen Empfindungen in den Mittelpunkt unseres Gefühlslebens. In einem eskalierenden Konflikt führt dies dazu, dass sich die Parteien zunehmend voneinander abkapseln. Vorwürfe wie „Du bist egozentrisch“ werden laut, doch in Wirklichkeit geschieht nichts anderes, als dass unsere eigenen Gefühle plötzlich sehr stark wahrgenommen werden. Wir empfinden Ärger, Wut oder Enttäuschung.
Diese Fokussierung auf die eigenen Emotionen hat zur Folge, dass wir die Fähigkeit verlieren, uns in den anderen hineinzuversetzen. Ohne dieses Einfühlungsvermögen wird es nahezu unmöglich, die emotionalen Reaktionen des Gegenübers zu verstehen. Dies heizt den Konflikt weiter an und verstärkt das Gefühl der Entfremdung. Die emotionale Distanz wächst, während gleichzeitig die Intensität der eigenen Empfindungen zunimmt. Um aus dieser Negativspirale auszubrechen, ist es entscheidend, sich bewusst zu machen, wie stark unsere Emotionen unser Handeln beeinflussen und aktiv an einer empathischen Kommunikation zu arbeiten. Nur so können wir den Weg zurück zu einem konstruktiven Dialog finden und den Konflikt nachhaltig lösen.
Die Beeinträchtigung des Willens
In Konfliktsituationen zeigt sich oft ein eingeschränkter Wille, der tiefgreifende Veränderungen bei den Konfliktparteien mit sich bringt. Während der Auseinandersetzung fixieren sich die Beteiligten zunehmend auf ihre eigenen vermeintlichen Interessen und entwickeln ein Verhalten, das sie selbst niemals für möglich gehalten hätten. Diese Selbstzentrierung führt dazu, dass sie in einem starren Handlungsschema gefangen sind, das sich mit jeder Eskalation weiter verfestigt. Radikale Äußerungen wie „Jetzt erst recht!“ oder „Entweder … oder“ werden zur Norm und verdeutlichen die Unnachgiebigkeit, die in solchen Situationen entsteht.
Die einzelnen Effekte dieser Veränderungen beeinflussen und verstärken sich gegenseitig. Die Konfliktparteien verlieren zunehmend die Kontrolle über ihr Handeln und ihre Emotionen. In diesem Zustand kann es leicht geschehen, dass auch die Gegenseite zu unerlaubten Mitteln greift und starrer sowie rücksichtsloser agiert. Diese Dynamik führt nicht nur zu einer weiteren Eskalation des Konflikts, sondern bewirkt auch eine Art von Ohnmacht: Die Parteien fühlen sich dem Konflikt ausgeliefert und sehen keinen Ausweg mehr.
Der eingeschränkte Wille hat somit weitreichende Folgen. Er hindert uns daran, flexibel auf neue Informationen oder Perspektiven zu reagieren und schränkt unsere Fähigkeit ein, Kompromisse einzugehen oder Lösungen zu finden. Stattdessen wird der Fokus immer enger auf den eigenen Standpunkt gerichtet, was die Bereitschaft zur Zusammenarbeit erheblich mindert. Um aus dieser Negativspirale auszubrechen, ist es entscheidend, den eigenen Willen zu reflektieren und aktiv nach Wegen zu suchen, um wieder offen für Dialoge und alternative Lösungsansätze zu werden. Nur so können wir den Teufelskreis durchbrechen und einen konstruktiven Weg aus dem Konflikt finden.
Ausstieg aus der Negativspirale
Andreas hatte die ersten Symptome einer negativen Konfliktdynamik in seinem Projektteam frühzeitig wahrgenommen und wollte dem entgegenwirken. Um die Situation zu entschärfen, organisierte er einen eintägigen Projekt-Review und holte sich externe Unterstützung in Form eines Team-Coaches. Dessen Ziel war es, die Vorgänge im Innenleben der Projektmitarbeiter sichtbar zu machen.
Der Team-Coach entschied sich für eine unkonventionelle Intervention: Alle Teammitglieder sollten ein Bild malen, das die aktuelle Projektsituation ausdrückt. Obwohl er zurecht vermutete, dass viele Projektmitarbeiter künstlerische Aktivitäten nicht schätzen würden, war das Ergebnis verblüffend. Jedes einzelne Bild offenbarte eindrücklich, dass das Beratungsunternehmen und der Kunde nicht auf Augenhöhe miteinander operierten. Es wurde deutlich, dass das große Beratungshaus und der kleine Kunde in einem Ungleichgewicht standen.
Besonders eindrucksvoll war ein Bergsteiger-Bild eines Teilprojektleiters. Das Team erkannte sofort die Metapher: Andreas und sein Team waren bereit, den nächsten 8.000er zu erklimmen – voll ausgerüstet mit Bergstiefeln, Rucksäcken und Seilen. Der Kunde hingegen erschien in Turnschuhen und mit einem einfachen Rucksack. Diese Diskrepanz führte zu einem Aha-Erlebnis: Während das Team dachte, sie seien auf einer anspruchsvollen Bergtour, sah der Kunde lediglich eine einfache Wanderung zum Feldberg vor sich.
Diese Erkenntnis schärfte nicht nur die Wahrnehmung des Teams, sondern förderte auch ein neues Verständnis für die Sichtweise des Kunden. Um diese Einsicht im Alltag zu verankern, vereinbarten Andreas und sein Team ein Code-Wort: „Feldberg“. Immer wenn die Wahrnehmung wieder selektiver wurde oder das Verständnis für den Kunden verloren ging, erinnerte Andreas sein Team mit diesen Worten daran, den Blickwinkel zu wechseln und empathisch zu bleiben. Diese kleine Intervention half dem Team nicht nur dabei, aus der Negativspirale auszusteigen, sondern legte auch den Grundstein für eine konstruktive Zusammenarbeit mit dem Kunden.
Survival-Tipps
- Glaube bloß nicht, Konflikte würden sich mit der Zeit von alleine lösen – das lässt sie allerhöchstens friedlich vor sich hinschlummern.
- Achte auf Veränderungen in der Wahrnehmung, den Gefühlen und dem Willen bei Deinen Projektmitarbeitern. Das sind erste Anzeichen für Konflikte.
- Beseitige die letzten Zweifel durch ein klärendes Gespräch, wenn Du Dir unsicher bist, ob es unter der Oberfläche nicht schon gewaltig brodelt.
- Setze alles daran, Konflikte frühzeitig zu lösen. Je früher Du einen Konflikt erkennst, umso besser kannst Du gestaltend und steuernd eingreifen.
- Denke daran: Wenn wir uns mit jemandem erbittert streiten, dann ist die objektive Suche nach Lösungen verdammt schwer. Dann kann oft nur noch ein Dritter schlichten.
- Hole Dir rechtzeitig Hilfe, wenn Sand im Getriebe ist. Im Vergleich zu den Kosten, die durch Konflikte verursacht werden, ist ein gutes Projekt- oder Team-Coaching seinen Preis wert.


Mario Neumann
Der Trainer und Autor schreibt seit 2021 in diesem Online-Magazin locker und pragmatisch über Projektmanagement. Für seine Arbeit wurde er schon mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Internationalen Deutschen Trainingspreis und dem Weiterbildungs-Innovationspreis. Alle seine Bücher, Seminare und Vorträge findest Du auf marioneumann.com.