Ebenbürtig und auf Augenhöhe
Menschen verlangen in existenziellen Situationen das Gespräch „auf gleicher Augenhöhe“, das heißt, sie wollen in dem Gespräch ebenbürtig sein. Eine Partnerwahl zielt häufig auf intellektuelle, physiognomische und materielle Ebenbürtigkeit ab.
Die Augenhöhe ist ein räumlich-körperlicher und auch ein sozialer Begriff. Die Augenhöhe, die Körpergröße oder die vertikale Positionierung anderer Personen verglichen mit der eigenen, ist meist direkt mit Status und Selbstwertgefühlen verbunden.
Beispiele: Der mündige Patient steht dem Arzt „auf gleicher Augenhöhe“ gegenüber. – Die SPD möchte mit der Union „auf Augenhöhe“ verhandeln.
Ebenbürtig ist nicht dasselbe wie gleichrangig
Eine Beziehung kann persönlicher, familiärer, sozialer oder auch geschäftlicher Natur sein. Sie kann gelingen, wenn beide Partner ebenbürtig sind und wenn das Geben und Nehmen ausgeglichen ist oder ausgeglichen werden kann. So sind zum Beispiel Geschwister ebenbürtig, das erstgeborene Kind hat im traditionellen Familiensystem jedoch einen höheren Rang gegenüber jedem später geborenen. Lernen oder spielen die Kinder gemeinsam, so hat das ältere den höheren Rang, was sich meist dadurch ausdrückt, dass es dem jüngeren sagt, wo es lang geht.
Eltern und ihre Kinder sind nicht ebenbürtig. Das heißt, sie sind nicht in der gleichen familiären „Ebene geboren“. Lehrer und Schüler sind auch nicht ebenbürtig, man kann ihre Merkmale und Leistungen nicht vergleichen, jedenfalls nicht, solange der Unterricht stattfindet. Die Rangkämpfe finden nur unter den Schülern statt. Der Lehrer steht außer Konkurrenz.
Ebenbürtigkeit setzt man voraus vor dem Vergleich,
Gleichrangigkeit stellt man fest nach dem Vergleich
Um Ebenbürtigkeit kann man nicht konkurrieren. Mitglieder eines Teams sind von vornherein einander ebenbürtig, zum Beispiel in ihrem Recht auf Zugehörigkeit, aber sie sind nicht unbedingt gleichrangig. Beispielsweise hat der Leiter des Teams einen höheren Rang, und der neu Hinzugekommene hat einen niedrigeren Rang als der Altgediente.
Der Rang kann sich ändern, man kann im Rang aufsteigen oder absteigen. So kann man sich im Beruf darum bewerben, in der Hierarchie aufzusteigen. Die Hierarchieebenen definieren die Rangunterschiede kategorisch langfristig.
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Ein Kreis signalisiert Ebenbürtigkeit
Setzen sich Menschen in den Kreis, fühlen sie sich ebenbürtig. Es wächst das Gefühl der Vollständigkeit, Vollkommenheit und Zusammengehörigkeit. Auch beim team-dynamischen Training sitzt man im Kreis – ein Symbol für die Ebenbürtigkeit. Aber die Rangfolgen inklusive Machtfragen wird das Team noch klären müssen. Denn durch eine angestrebte Gleichrangigkeit würde nur eine unterschwellige Konkurrenz vorprogrammiert. Bei der Klärung der Rangordnung wird es auf die Aufgabe sowie auf den Einsatz und den Beitrag der einzelnen Teammitglieder ankommen.
Geben und Nehmen zwischen Ebenbürtigen
Der Ausgleich von Geben und Nehmen ist relativ unproblematisch zwischen Ebenbürtigen, also zwischen Menschen, die auf einer Ebene miteinander sind wie zum Beispiel Paare, Freunde, Kollegen. Der eine gibt etwas, der andere gibt zur rechten Zeit zurück, und beide sind wieder frei. Die Beziehung wird durch das Geben und Nehmen reicher, es gibt ein Mehr an miteinander gelebter Erfahrung.
Jedes Geben und Nehmen zwischen Ebenbürtigen führt zu einem Wachstum der Beziehungen. Es erfordert in der Regel die Gegenseitigkeit, das heißt den Ausgleich gegenüber dem, der gegeben hat.
Schwieriger ist der Ausgleich zwischen Menschen, die sich auf unterschiedlichen Ebenen befinden, denn der Ausgleich ist unter diesen Bedingungen nur begrenzt möglich.
Geben und Nehmen zwischen Nicht-Ebenbürtigen
Eltern und Kinder befinden sich auf unterschiedlichen Ebenen, wie auch Helfer und Hilfsbedürftige. Das Geben und Nehmen zwischen Personen auf unterschiedlichen Ebenen hat ein Gefälle. Das, was die Helfer den Bedürftigen oder die Eltern den Kindern geben, und das, was die Hilfsbedürftigen von den Helfern und die Kinder von den Eltern nehmen, fließt nicht oder nur zum Teil an die Gebenden zurück, sondern fließt weiter an andere, die der Hilfe bedürfen. Das Geben gelingt uns nur, wenn wir selbst genommen haben. Und es gelingt nur, wenn diejenigen, die Hilfe suchen, das, was wir geben können und wollen, auch tatsächlich brauchen. Denn nur dann wird das Gegenüber das, was wir anbieten, auch nehmen, und unser Hilfeimpuls verpufft nicht im Leeren.
Der Helfer wird dadurch mit der späteren Welt verbunden. Sein Helfen selbst wird reicher, größer und erlangt durch die Einbindung in die Zeit Dauerhaftigkeit und Dankbarkeit. In dieser Form wirkt das Helfen auf den Helfer zurück. Seine Seele wird gestärkt durch den Rückfluss. Die Kraft zu geben erneuert sich. Deshalb können Menschen in helfenden und heilenden Berufen die ihnen sehr viel abfordernde Arbeit über Jahrzehnte leisten, ohne ausgebrannt zu sein, Und deshalb können Eltern trotz großer Belastungen immer wieder geben.
Geben und Nehmen zwischen Eltern und Kindern
Für die Verlässlichkeit der Beziehung zwischen Eltern und Kindern wirkt neben dem Vorrang der Eltern aufgrund der Ursprungsordnung eine zweite einfache Ordnung:
Eltern geben, Kinder nehmen.
Ist das Geben und Nehmen zwischen Mann und Frau wechselseitig, so ist es zwischen Eltern und Kindern eine Einbahnstraße. Durch die Eltern kommt unser Leben zu uns, durch sie sind wir eingebunden in den Kreislauf von Werden und Sterben. Eltern geben das Leben und darüber hinaus das, was für das Aufwachsen der Kinder nötig ist. Dieses können auch andere geben: Großeltern, Pflegeeltern, Adoptiveltern oder ein Heim.
Unabhängig von all dem, was die Eltern später noch dazugeben, ist hier ein Ausgleich nicht möglich. Es bleiben nur Dank und Anerkennung. Die Entlastung gelingt erst durch das Weitergeben an andere, zum Beispiel an eigene oder angenommene Kinder. In Familien gerät das Gegebene in das Kontobuch des Systems, in größeren sozialen Systemen in die jeweiligen Kontobücher, die es aufnehmen und weitertragen. Das Geben wird dadurch größer, denn es hat nicht nur das Gegenüber, sondern auch das spätere Leben im Blick.
Wer bekommt, muss auch geben
Nun ist aber das, was Kinder von ihren Eltern bekommen, so groß, dass sie es nie zurückgeben können. Allein das Leben ist so groß, das kann man an den Eltern selbst nicht ausgleichen. Weil aber, wer bekommt, auch geben muss – ein Grundgesetz der Evolution –, besteht die Lösung darin, dass die Kinder erwachsen werden, selbst Vater und Mutter werden oder in anderer Form etwas Zukunftsgerichtetes leisten und somit das Leben weitergeben. Auf diese Weise entsteht der „Fluss des Lebens durch die Generationen“. Die Schuld, die Kinder gegenüber ihren Eltern oft spüren, wenn sie sich vom Zuhause lösen, ist zugleich die Triebkraft für ein eigenes, gebendes Leben. Das Schuldgefühl schwindet meist, sobald die Kinder selbst im Leben zukunftsorientiert etwas leisten. Ein gewisser Ausgleich geht auch zu den Eltern zurück: durch den Dank, die Liebe und die Freude, die Kinder den Eltern bereiten. (Vgl. Schneider 2006, 99)
Mario Neumann
Als Autor und Trainer begleite ich Dich durch die abenteuerliche Welt der Projekte. Dafür wurde ich schon mehrfach ausgezeichnet, zum Beispiel mit dem Internationaler Deutscher Trainingspreis und dem Weiterbildungs-Innovationspreis. Alle meine Bücher, Seminare und Vorträge findest Du auf marioneumann.com.