Well Team Times Nr. 258

Was ist eine Gewissensfrage?

Von am 02.05.2022

Was ist eine Gewissensfrage?

Eine Gewissensfrage ist eine Frage, die eine ehrliche Antwort verlangt, dabei aber mehrere Möglichkeiten zulässt, für die man sich nur gewissenhaft, nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden kann. Unter Gewissen versteht man die zuständige Stelle in der Seele des Menschen, an der die moralischen Urteile gefällt werden und die Willensentscheidung für das Gute oder das Böse getroffen wird. Da das Gute und das Böse zwei entgegengesetzte Pole sind, zwischen denen eine ganze Skala von Wertungen möglich ist, ist das Gewissen die Instanz, an der die Entscheidung zwischen den Möglichkeiten stattfindet. Steht die Entscheidung wissentlich in Einklang mit den Normen, so ist das Gewissen gut, wir haben ein reines Gewissen. Steht sie aber im Widerspruch dazu, so gilt das Gewissen als belastet beziehungsweise schlecht, wir haben Gewissensbisse.

gutes/ schlechtes Gewissen

Das Gewissen ist ein systemisches Gleichgewichtsorgan, mit dessen Hilfe wir wahrnehmen können, ob wir uns im Einklang mit dem sozialen System (Familie, Partnerschaft, Freundeskreis, Team, Betrieb) befinden oder nicht – ob wir etwas tun, das uns die Zugehörigkeit sichert, oder ob wir etwas tun, das unsere Zugehörigkeit gefährdet oder verwirkt.

  • Ein gutes Gewissen bedeutet: „Ich darf noch dazugehören.“
  • Ein schlechtes Gewissen bedeutet: „Ich muss befürchten, dass ich nicht mehr dazugehören darf.“

persönliches Gewissen

Das persönliche Gewissen bindet uns an unsere Gruppe, unsere Familie und Heimat, an unser Land, unsere Sprache, Kultur und Religion. Es bindet uns auch an unsere Arbeit, unsere Kollegen und die Organisationen, an denen wir teilhaben.

Wir erleben unser Gewissen bewusst, und es leitet uns durch Gefühle von Schuld und Unschuld. Das persönliche Gewissen wirkt direkt und gibt
uns Bescheid über drei uns ständig begleitende Fragen:

  • Bindung
    Gehöre ich zu dieser Gruppe oder nicht?
  • Ordnung
    Bin ich an dem richtigen, rechtmäßigen Platz in diesem System?
  • Ausgleich von Geben und Nehmen
    Schulde ich jemandem etwas oder schuldet mir jemand etwas?

Foto: Matjaz Slanic auf istockphoto

kollektives Gewissen

Das kollektive Gewissen wirkt unbewusst im Dienste des gesamten Systems. Seine Funktion besteht darin, den Fortschritt des gesamten Systems zu gewährleisten. Das System als Ganzes kommt vor dem Individuum. Die Tatsache, dass das kollektive Gewissen unbewusst wirkt und Einzelne – ob sie wollen oder nicht – in den Dienst des ganzen Systems genommen werden können, macht es schwierig, die Dynamik als Gewissen wahrzunehmen. Im kollektiven Gewissen wirken auch die Prinzipien von Bindung, Ordnung und Ausgleich von Geben und Nehmen, jedoch anders als im persönlichen Gewissen. Jeder hat dasselbe Recht auf Zugehörigkeit.
Dass Mitglieder ausgeschlossen werden oder verloren gehen, erlaubt ein System nicht ohne spätere Kompensation.
Vgl. Jan J. Stam, in: Praxis der Systemaufstellung 1/2005

Gewissensbindungen

Da jeder Mensch verschiedenen familiären, sozialen, bürgerlichen und kulturellen Kreisen angehört und in verschiedene ökologische und ökonomische Systeme eingebunden ist, entwickelt auch jeder die Gewissensbindungen auf mehreren Ebenen. Es ergeben sich folgende  mögliche Bindungsebenen:

  • Bindungen an die Familie (Herkunftsfamilie, Gegenwartsfamilie, Geliebte)
  • an Freunde, Nachbarn, Weggefährten, Schicksalsgemeinschaften
  • an Gruppen (Schulklasse, Verein, Team, Betrieb, Gemeinde etc.)
  • an Menschen mit anderem Hintergrund, mit denen Austausch erfolgt
  • an den Staat bzw. an Recht und Gesetz
  • an ideelle Werte (Wissenschaft, Kunst, Kultur und Religion)
  • an das Menschheitsgewissen („die große Seele“)
  • Bindung an die Natur, Einbindung in die Natur (Umweltgewissen, Verbundenheit und angemessener Umgang mit der Natur)

Wenn auch jeder Mensch verschiedenen, sich überlagernden Gewissensbindungen unterliegt, so gibt es doch immer wieder eine Qualität, die von allen sozialen Kraftfeldern unberührt bleibt. Hinter jedem Menschen steht ein Ich-Kern, eine Identität, etwas Unveränderliches – gleichgültig, ob wir „Seele“, „Selbst“ oder „Ich“ dazu sagen. Wer sich vollständig von den Gewissensbindungen absorbieren lässt, vermag sich selbst nicht zu entwickeln. Menschsein sucht immer den Ausgleich zwischen den Polaritäten „ich“ und „die anderen“. Daher ist es für jeden  wichtig, sich selbst treu zu bleiben. Dieser Glaube an die eigenen Werte bildet das große Gegengewicht zu den wirksamen Gewissensbindungen. Entsprechend stehen Menschen, die „ihr Ding durchziehen“, gleichgültig, was andere dazu sagen, bei vielen hoch im Kurs – vorausgesetzt, das eigene „Ding“ kollidiert nicht mit anderen Verpflichtungen. Qualitäten wie Zivilcourage, Durchhaltevermögen, Mut usw. können unter dem  Begriff der „Treue zu sich selbst“ zusammengefasst werden.
Vgl. Roland Zag,Filmemacher, in: Praxis der Systemaufstellung 2/2004

Gewissen – Liebe

Über viele Jahre habe ich mich gefragt: Was ist eigentlich Gewissen? Was ist gewissenhaft und was passiert mit gewissenhaften Menschen? Was richten sie an, Gutes oder Schlimmes?

Ich habe beobachtet, wie das Gewissen wirkt. Es blockiert gegenüber Außenstehenden die Liebe. Das war für mich eine wichtige Erkenntnis:
Erst wo ich über das Gewissen hinausgehe, ist tiefe Liebe, Achtung und Respekt auch für Außenstehende möglich.
Hellinger/ ten Hövel 1999, 45

Gewissen – Krieg

Das Gewissen verbindet nur innerhalb der Gruppe, spaltet uns aber weg und trennt uns von den anderen Gruppen. Deswegen ist das Gewissen auch das, was zum Krieg führt.
Dem Frieden steht dieses Gewissen entgegen, und wir müssten es überwinden. Das heißt, dass wir auch andere, die völlig anders sind, also andere Familien, andere Kulturen, andere Religionen als ebenbürtig anerkennen und uns denen öffnen. Dann wird unsere Seele weiter, sie wird bereichert. Damit soll kein Versuch der Gleichmacherei unternommen werden. Sich anderen öffnen heißt nicht, ihnen gleich zu sein, zum Beispiel die gleiche Kultur oder Religion zu haben.

Die Grenzen des eigenen Gewissens zu überwinden ist sehr schwer, weil man dann auch ein „schlechtes Gewissen“ hat. Gut im größeren Sinne, kann nur sein, was das Gewissen überwindet. Es ist doch auffällig, dass viele ihre schlimmen Taten mit gutem Gewissen vollbringen. Und oft hat jemand ein schlechtes Gewissen, wenn er etwas Gutes tut, weil er meint, damit verstoße er gegen den Code seiner eigenen Gruppe.
Vgl. Bert Hellinger, Interview am 26.08.01 in SWR 2