Kommunikation

Design Thinking – Können wir remote kreativ sein?

Von am 14.01.2022

Ich stelle Menschen gerne Fragen, weil mich ihre Arbeit, ihre Strategien, ihre Standpunkte oder ihre Thesen interessieren. In meinem Online-Magazin möchte ich die Antworten meiner Interviewpartner gerne mit Euch teilen. Heute habe ich meine FÜNF FRAGEN an Ingrid Gerstbach gestellt.

Mario: Design-Thinking wird mittlerweile in vielen Unternehmen zur Entwicklung von Innovationen genutzt. Die Tools und Methoden, die innerhalb des Prozesses genutzt werden, sind allerdings stark in der physischen Welt verwurzelt. Whiteboards, Post-Its und bunte Marker durften in keinem Workshop fehlen – schließlich lebt die Methode von der Dynamik, die zwischen den Teilnehmenden während des Workshops entsteht.

Nun sind wir in der nächsten Welle der Corona-Pandemie, und schon wieder arbeiten viele Menschen ganz oder teilweise im Home-Office. Workshops finden wieder virtuell über MS Teams oder Zoom statt. Wie können Unternehmen und Teams trotzdem kreativ und innovativ sein?

Ingrid: Zugegeben, es ist schwieriger online kreativ zu sein, aber durchaus machbar. Das Wichtigste ist, sich bewusst zu werden, dass online andere Techniken genutzt werden müssen, als wir es gewohnt sind. Die Vorbereitung für Online-Workshops ist wichtiger als für Präsenztermine, da ich mir mehr Gedanken machen muss, welche Übungen ich einsetzen will und was die Gruppe dafür an Vorabinformationen braucht. Ich nutze viel mehr Übungen in den Kleingruppen und vermeide klassische Kreativmethoden wie Brainstorming. Dadurch kann ich sicherstellen, dass sich auch alle einbringen und nicht gute Ideen verloren gehen, weil sich jemand nicht traut, diese auszusprechen oder auf das Online-Whiteboard zu posten. Apropos: Das Online-Whiteboard ist neben Kleingruppen das wichtigste Tool, um virtuell kreativ zu sein.

Mario: Was sind die Schwierigkeiten, die auftreten können, wenn man die vorhandenen Arbeitsweisen des Design Thinking auf digitale Plattformen überträgt?

Ingrid: Nonverbale Kommunikation, Mimik, Gestik gehen online fast zur Gänze verloren, und technische Hindernisse sind häufig an der Tagesordnung. Dazu kommt, dass wir nicht so flexibel agieren können – was Kreativität aber oft erfordert. Trotzdem ist es aber möglich, kreativ zu sein.

Foto: Ingrid Gerstbach

Mario: Der Mensch steht im Mittelpunkt des Design Thinking Prozesses, unabhängig ob der Prozess analog oder virtuell stattfindet. Aufgabe des Design Thinkers ist es, zu verstehen, vor welchen Problemen der Nutzer steht und wie ihm oder ihr geholfen werden kann. Dazu gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, die durchführbar sind, ohne zu reisen oder von Angesicht zu Angesicht zu sprechen. Welche sind das?

Ingrid: Ich bin ein großer Anhänger von direkten Befragungen und Beobachtungen. Für meine Arbeit ist das wirklich wichtig, weil sich Menschen in ihrem natürlichen Umfeld ganz anders verhalten, als sie es tun, wenn wir sie online befragen. In Pandemiezeiten gibt es trotzdem Möglichkeiten wie z.B. ein Kamera-Tagebuch, bei dem die Zielgruppe festhält, was er/sie bezogen auf die Fragestellung macht. Eine andere Methode, die ich gerne online anwende, ist, dass ich mir von der Zielgruppe erzählen lasse, wie ihr Alltag aussieht, indem ich sie frage, was ich tun müsste, wenn ich einen Tag lang ihren Job oder ihr Leben übernehmen würde. So bekomme ich gute Einblicke in ihren Alltag.

Mario: Design Thinking ist keine Raketenwissenschaft. Ich selbst habe aber die Erfahrung gemacht, dass es durchaus Mut braucht, neue und manchmal sogar schräge Methoden auszuprobieren, die man sonst im Alltag niemals einsetzen würde. Im Präsenz-Workshop spielt dabei der Moderator eine wichtige Rolle, damit das Team sich an die neuen Methoden heranwagt. Welche Rolle spielt der Moderator im virtuellen Workshop?

Ingrid: Die Moderation im Design Thinking ist ganz entscheidend. Stell dir das Ganze vor, wie ein gemeinsames Bild zu malen: Damit gemeinsam ein wunderschönes Bild entstehen kann, muss der richtige Rahmen geschaffen werden: Die Umgebung muss passen, damit  sich jeder wohlfühlt und keine Angst davor hat, etwas falsch zu machen; das Licht sollte günstig sein . und die unterschiedlichen Vorlieben der Personen beachtet werden etc. So ist das auch bei Design Thinking. Die Aufgabe des Moderators liegt darin, die Teilnehmenden so zu führen, dass sie ihr Ziel erreichen. Dafür ist es wichtig, die Methoden und auch die Teilnehmenden gut zu kennen.

Mario: Was sind die wichtigsten Tipps und Tricks, die man beim Design Thinking in virtuellen Workshops unbedingt beachten sollte?

Ingrid: Das Wichtigste ist eine gute Vorbereitung. Kenne die Teilnehmenden und das Ziel! Mach dir vor allem Gedanken darüber, wie du die Interaktion so gestalten kannst, dass ein gutes Ergebnis zustande kommt, mit dem das Team zufrieden sein kann. Und hab selbst Spaß dabei – das färbt auf die Teilnehmenden in jedem Fall ab!

Mario: Danke für das Interview.

Zur Person

Die Süddeutsche Zeitung bezeichnet Ingrid Gerstbach als Marke, Medien wie das Projektmagazin und Die Zeit betiteln sie als „die deutschsprachige Design-Thinking- und Empathie-Expertin“. Seit 2010 ist sie als Organisationsberaterin tätig (mehr dazu unter gerstbach.at). Mit Freude zerlegt sie komplexe Themen und fügt sie zu neuen Visionen zusammen. Mit ihrer Arbeit schafft sie Räume für Wachstum und kreiert förderliche Atmosphären.

Die Betriebswirtin, Wirtschaftspsychologin und Erwachsenenbildnerin ist auch erfolgreiche Autorin. Ihr Buch „77 Tools für Design Thinker“ gilt als Standardwerk für die Innovationspraxis und erschien zuletzt in komplett überarbeiteter Neuauflage bei GABAL