Motivation

Das Wollen nutzen und aktivieren

Von am 31.05.2021

Ich stelle Menschen gerne Fragen, weil mich ihre Arbeit, ihre Strategien, ihre Standpunkte oder ihre Thesen interessieren. In meinem Online-Magazin möchte ich die Antworten meiner Interviewpartner gerne mit Euch teilen. Heute habe ich meine FÜNF FRAGEN Markus Brand gestellt.

Markus Brand ist Diplom-Psychologe, Coach und Management-Trainer. Er leitet zusammen mit Frauke Ion das Institut für Persönlichkeit. Er ist verantwortlich für die Akademie und mit über 1000 ausgebildeten Teilnehmern vermutlich der weltweit erfahrenste Reiss Motivation Profile Anwender und Instructor. Unser Thema heute: Wie das Wissen um die Lebensmotive das eigene Führungsverhalten verbessern kann.

Mario: Du beschäftigst Dich seit vielen Jahren mit der Theorie der 16 Lebensmotive von Prof. Steven Reiss. Wie bestimmen diese Lebensmotive unser Verhalten?

Markus: Neurowissenschaftliche Forschung von Prof. Roth und vielen Kollegen hat wiederholt gezeigt, dass Lebensmotive unsere persönlichen Belohnungssysteme definieren. Also vorausbestimmen, was wir brauchen, um glücklich zu sein. Du kennst sicher die Situation, dass Du das Gleiche machst wie Dein Kollege (im Beruf) oder Dein Nachbar (privat), und doch hast Du dabei Glücksgefühle durch Serotonin- oder Endorphin-Ausschüttungen, Dein Kollege oder Nachbar nicht. Verantwortlich dafür sind die angelegten und früh ausgebildeten Motivstrukturen in Deinem Hirn. Und da wir uns als Mensch lieber wohl als unwohl fühlen, führen wir dieses glückstreibende Verhalten lieber und daher auch öfter aus, als das Gegenteil zu machen. Klingt logisch? Ist logisch! Und gesund obendrein.

Mario: Du behauptest in Deinem Buch „Motivorientiertes Führen“, dass erfolgreiche Führung im Alltag vor allem davon abhängt, ob sich jeder Mitarbeiter gemäß seiner Persönlichkeit angesprochen und motiviert fühlt. Warum muss der Wurm dem Fisch und nicht dem Angler schmecken?

Markus: Dieses Sprichwort nutzen wir im Institut für Persönlichkeit gerne, um den Führungskräften klarzumachen, wonach sie ihr Verhalten und ihre Gespräche gegenüber den Mitarbeitern ausrichten sollten. Überlege mal selbst: Du möchtest Deinen Mitarbeiter für ein Projekt gewinnen. Ganz logisch ist dabei die Reaktion, die Vorteile dieses Projektes und die attraktiven Dinge in den Vordergrund zu stellen. Doch aus welcher Perspektive sind das Vorteile? Selbstverständlich führt man die auf, die man selbst gut findet. Und genau da zieht das Anglergeheimnis, denn der Mitarbeiter findet häufig andere Dinge gut als man selbst. Ich habe selten Fische nach einer kalten Flasche Bier jagen sehen …

Mario: Wie kann man Motive erkennen? Kann das Wissen um die Lebensmotive wirklich als Navigator dienen? 

Markus: Prinzipiell sind Motive mit dem bloßen Auge nicht leicht zu erkennen. Denn wir sehen letztlich nur Verhalten oder hören Kommunikation. Doch von Verhalten oder Kommunikation auf Motive zu schließen kann tückisch sein, denn Verhalten wird gerne auch durch Werte, Präferenzen, Stärken, Fähigkeiten bestimmt oder ist schlicht dem situativen Kontext zuzuschreiben. Viel leichter, schneller und vor allem richtig wird eine Einschätzung durch fundierte und mittlerweile leicht einsetzbare Evaluationsmodelle, wie dem Reiss Motivation Profile. In 15 Minuten füllen Menschen einen Fragebogen aus, die Antworten werden mit über 100.000 Vergleichspersonen abgeglichen und zu einem sattelfesten Ergebnis mit einfacher Visualisierung geführt. Plötzlich wird Führung viel einfacher und spart viel Zeit. Denn das was ich sage, passt plötzlich zum Mitarbeiter und nicht mehr zu mir. Gerne erinnern wir uns an die letzten Worte von Jogi Löw an Mario Götze vor der Einwechslung im WM Endspiel 2014 in Brasilien: „Mario, zeig der Welt, dass Du besser bist als Messi…“ Wenige Worte, doch ein grandioses Ergebnis.

Mario: Wie entschlüsselt man Lebensmotive im Alltag?

Markus: Wie gesagt, das ist nicht ganz einfach. Lediglich, wenn sich bestimmte Verhaltensweisen häufen oder wiederholen, können Führungskräfte Hypothesen über die Motivstruktur ihrer Mitmenschen bilden. Geht jemand in einer Lebensphase öfters zum Sport, heißt es nicht, dass er Sport braucht, um glücklich zu sein. Möglicherweise hat der Arzt ihm das empfohlen, er hat eine Wette verloren und muss nun einen Halbmarathon laufen oder er möchte Zeit für ein Hörbuch finden. Doch wenn jemand ein Leben lang immer wieder Zeit für Sport aufbringt, scheint es ein situations- und zeitüberdauerndes Lebensmotiv zu sein. Beobachte also das Verhalten Deiner Mitarbeiter in verschiedenen Situationen und Zeiten. Und stelle immer wieder Fragen nach ihren Prioritäten: „Herr Müller, wie sieht eigentlich Ihr perfekter Arbeitstag aus?“, „Wie verbringen Sie am liebsten die Wochenenden?“, „Welche Rolle hätten Sie am liebsten in dem Projekt?“

Mario: Wie kommt man vom Motiv zur Motivation?

Markus: Motivation ist die Aktivierung von Motiven. Doch ein Motiv alleine führt noch nicht zu Motivation. So wie „Wollen“ alleine noch nicht zum Handeln führt. Wir brauchen auch ein „Können“ und ein „Dürfen“. Erfahrungsgemäß glauben Führungskräfte, dass sie auf das „Können“ und „Dürfen“ der Mitarbeiter den größeren Einfluss haben: durch Weiterbildung (Können) und Handlungsspielräume (Dürfen). Doch durch die Berücksichtigung und richtige Ansprache kann jeder das „Wollen“ nutzen und aktivieren. Es muss halt das passende „Wollen“ erkannt werden. Und jeder Mensch „will“ etwas. Ich kann die Projektleitung durch mein Bedürfnis nach Führung und Verantwortung übernehmen. Und ich kann die Projektleitung übernehmen durch mein Bedürfnis, für andere da zu sein und sie auf dem Weg zum Erfolg zu unterstützen.

Zusammenfassend brauchen wir also Motivation (meine inneren, häufig unbewussten Bedürfnisse) und Volition (meine mir bewusst gesetzten Ziele). Wenn sich beides trifft, bin ich im Flow oder im Sweet Spot -> oder Sweetspot. Ich erreiche alles ohne großen Aufwand und verliere dabei das Gefühl für Raum und Zeit. Einfach nur herrlich, dieser Zustand…

Mario: Danke für das Interview.

Zur Person

Markus Brand ist Diplom-Psychologe, Managementtrainer, Coach, Autor und Speaker. Nach fünf Jahren als Key Account Manager im Bereich HR Recruiting gründete er 2002 seine erstes Unternehmen, welches u.a. Führungskräfte bei beruflich relevanten und psychologischen Fragestellungen unterstützte. Mit Frauke Ion eröffnete er 2006 das Institut für Persönlichkeit, welches als modernes Trainings-, Coaching- und Beratungsinstitut diagnostikbasierte Persönlichkeitsentwicklung anbietet.

Bereits 2003 wurde er als einer der ersten europäischen Trainer zum Reiss Motivation Profile (RMP) Master zertifiziert und gehört heute zu den erfahrensten Experten weltweit. Als Ausbilder ist er qualifiziert, andere interessierte Menschen für die Nutzung und Anwendung dieser Motivanalyse wie auch mit der Werteanalyse 9 Levels of Value Systems auszubilden. Mit mittlerweile über 1.000 Zertifizierungsteilnehmern ist er seit Jahren bekannt für seine Qualität als Ausbilder. Belohnt wurde das u.a. mit dem zweifachen Gewinn des Europäischen Trainingspreis in Gold, 2019 und 2021.