Führung

Projektfalle Perfektion

Von am 31.05.2021

Wer als Projektleiter zum Perfektionismus neigt, hat zunächst einen großen Vorteil: Was er anpackt, hat Hand und Fuß. Zu viel Perfektionismus kann ihm jedoch schnell zum Verhängnis werden: Statt sich auf seine Führungsaufgabe zu konzentrieren, verliert er sich in fachliche Details und versenkt sich in der reinen Sachbearbeitung.

Andreas B. steckt mitten in einer handfesten Projektkrise. Schuld daran ist sein Perfektionismus: Vor lauter Arbeit an den Details einzelner Arbeitspakete hat er die Prioritäten seines Projekts aus den Augen verloren. Mit viel Liebe zum Detail treibt er Unwichtiges zur Perfektion. Sein Hang zum Perfektionismus hindert ihn auch daran, Aufgaben zu delegieren. Vieles von dem, was andere übernehmen könnten, erledigt er selbst.

So sitzt Andreas B. fast täglich bis spät abends bei der Arbeit. Dennoch bleibt Wichtiges unerledigt. Die Folge davon ist, dass er einen Meilenstein nach dem anderen reißt.

Im Projektalltag versuchen viele Projektleiter, schwierige Situationen mit vertrauten Reaktionsmustern in den Griff zu bekommen – unabhängig davon, ob das verinnerlichte Verhaltensmuster in der konkreten Situation tatsächlich hilfreich ist. Diese Reaktionsmuster sind so sehr verinnerlicht, dass sie quasi automatisch „anspringen“.

Einer dieser inneren Antreiber lautet: „Sei perfekt!“. Wer ihn verinnerlicht hat, schaltet sofort auf Perfektion. Deshalb versäumt er es, überlegt zu handeln und bewusst zu entscheiden, ob er eine Aufgabe jetzt wirklich perfekt ausführen sollte.

Der Antreiber „Sei perfekt!“ verlangt Vollkommenheit, fordert eine andauernde Übererreichung der Projektziele ein. Dem gilt es entgegenzuwirken – das heißt: manche Dinge nur „gut“ oder „ausreichend“ erledigen, auch einfach mal Fünfe gerade sein lassen!

Das Konzept der Antreiber

„Innere Antreiber“ sind Denk- und Verhaltensmuster, die uns prägen. Sie lauten: Sei perfekt! Streng Dich an! Sei stark! Beeil Dich! Sei gefällig!

Wenn Dir diese Aufforderungen nur allzu bekannt vorkommen, ist das kein Wunder. Die genannten fünf inneren Antreiber sind Botschaften und Glaubenssätze, die uns in früher Kindheit eingeschärft wurden. Heute, viele Jahre später, wirken sie noch immer auf unsere Wahrnehmung, unser Denken, unsere Entscheidungen. Damit beeinflussen sie natürlich auch unseren Lebens- und Arbeitsstil. Meist positiv. In Belastungssituationen können sich die inneren Antreiber aber auch als Schwächen erweisen.

Foto: Brett Jordan auf Unsplash

Der innere Antreiber „Sei perfekt“

Der Antreiber „Sei perfekt“ verlangt Vollkommenheit in allem, was Du tust. Er ist ein permanenter Aufruf zu übermäßiger Detailverliebtheit und hindert Dich deshalb daran, eine Aufgabe auch einmal nur gut oder ausreichend zu erledigen. Der Antreiber „Sei perfekt“ lässt einen Fehler als Katastrophe erscheinen und versteift darauf, jeglichen Fehler unbedingt zu vermeiden.

Natürlich hat der Antreiber seine positive Seite: Er hilft, Aufgaben sorgfältig und genau zu erfüllen und dadurch gute oder sogar außergewöhnliche Leistungen zu erzielen. Nur geschieht das nicht aufgrund einer freien und bewussten Entscheidung, eine Aufgabe perfekt auszuführen – sondern getrieben vom inneren Zwang, immer noch besser werden zu müssen.

Wenn die Perfektionismus-Falle zuschnappt

In Stresssituationen neigen wir dazu, unseren inneren Antreibern die Regie zu überlassen. Mit Blick auf den Antreiber „Sei perfekt“ heißt das: Ein Projektleiter will in seinem Projekt immer alles sehr gründlich machen; er neigt dazu, die Projektziele über zu erfüllen. Ohne Rücksicht auf Kosten und Aufwand setzt er Perfektion an die erste Stelle.

Ein von Perfektion getriebener Projektleiter konzentriert sich zu sehr auf Details. Bevor er eine Entscheidung trifft, sammelt er akribisch alle Hintergrundinformationen und Einzelheiten. Mit der Zeit verengt sich sein Blick auf das, was zur Perfektion noch fehlt – anstatt zu sehen, was er mit seinem Team bereits geleistet und gut erledigt hat. Die Sicht durch diese „Negativ-Brille“ kann dazu führen, dass positives und erfolgreiches Handeln im Projektalltag einfach vorausgesetzt wird.

Ich bin nur dann in Ordnung, wenn …

In Stress- und Belastungssituationen fällt der Hang zur Perfektion besonders negativ auf. Das hat oft zur Folge, dass die betreffenden Projektleiter  sich als Mensch und in ihrer Rolle nicht mehr geschätzt fühlen. Deshalb entwickeln sie Strategien, um diesem „Nicht-Okay-Gefühl“ zu entrinnen. Dabei folgen sie häufig einer ebenso fatalen wie illusionären Idee: „Ich bin wieder okay, wenn ich perfekte Ergebnisse abliefere“, glauben sie. Fast zwanghaft wollen sie jetzt erst recht alles perfekt machen!

Mit anderem Worten: Diese Projektleiter überlassen erneut ihrem Antreiber „Sei perfekt“ das Feld. Auf diese Weise wird jedoch ihr Unwohlsein nicht weggehen, ganz im Gegenteil: Der Zwang, jetzt alles noch besser machen zu wollen, verschlimmert die Lage im Projekt. Gerade in einer Stress-Situation, wenn ein Projekt in Schieflage zu geraten droht, wirkt das Streben nach perfekten Ergebnissen völlig kontraproduktiv – und mit den Misserfolgen in der Projektarbeit verstärkt sich auch das Nicht-Okay-Gefühl.

Den inneren Antreiber neutralisieren

Sie erkennen sich wieder? Dann lohnt es sich, den Antreiber „Sei perfekt“ endlich an die Kandare zu nehmen. Kein Mensch muss sich seinen Antreibern für alle Zeiten ausliefern. Zu jedem Antreiber gibt es einen inneren Gegenspieler, einen „Erlauber“, dessen Position es zu stärken gilt. Seine Stimme existiert genauso wie die des Antreibers. Nur ist seine Stimme gerade in schwierigen Projekt- und Stress-Situationen leider oft zu leise und wird vom Antreiber übertönt. Ihre Aufgabe besteht also darin, Ihrem Erlauber im Projektalltag wieder mehr Gehör zu verschaffen.

Survival-Tipps

  • Ein gewisser Perfektionismus ist auch eine Gabe – am Ende geht es aber um die angemessene Dosis. Lass ruhig auch mal Fünfe gerade sein!
  • Mache  Dir bewusst, dass Dein Umfeld vermutlich nicht so hohe Anforderungen an Dich und Deine Projektergebnisse stellt, wie Du es vielleicht selbst tust.
  • Hör auf, Dir überzogene Selbstvorwürfe zu machen, wenn im Projekt etwas nicht so funktioniert hat, wie Du es geplant hast.
  • Denke daran – niemand kann perfekt sein. Fürchte Dich nicht vor Fehlern. Überprüfe stattdessen bei Deiner Arbeit das Verhältnis von Aufwand und Nutzen.
  • Stecke Deine Ziele nicht zu hoch. Identifiziere die Bereiche, in denen präzises Arbeiten oder höchste Qualität nicht unbedingt erforderlich sind.
  • Beginne, Deinem Antreiber eine neue Botschaft entgegenzuhalten, die da lautet: „Ich darf auch mit 80 Prozent zufrieden sein.“ Gut ist schließlich gut genug.