Konflikte

Plötzlich Sündenbock

Von am 31.05.2021

Droht ein Projekt zu misslingen, wird gerne nach Sündenböcken gesucht. Als Projektleiter gerätst Du da schnell ins Visier der Kritiker, auch wenn Du nicht oder nur wenig zur Schieflage des Projekts beigetragen hast. Unvermittelt wird Dir der Schwarze Peter zugeschoben, den Du nun wieder loswerden musst.

Frustriert kehrt Lukas W. aus der Sitzung des Lenkungsausschusses zurück. „Alle machen Murks“, schimpft er, „aber ich muss es ausbaden!“ Während der Sitzung stand er Rede und Antwort und musste erklären, warum sein Projekt nicht vorankommt und seit einigen Wochen regelmäßig die Deadline reißt. Dass es im Projekt massive Schwierigkeiten gibt, ist das eine – dass er aber nun derjenige sein soll, der alles vermasselt hat, bringt ihn in Rage. Offensichtlich haben in der Sitzung die versammelten Chefs einen Schuldigen gesucht!

Solange die Beteiligten an den Erfolg des Projektes glauben, blicken sie nach vorne und ringen bei Problemen um die richtige Lösung oder den richtigen Weg zum Ziel. Wird dagegen über die Schuldfrage gestritten, besteht Grund zur Sorge – gleich aus drei Gründen: Erstens sind Schulddiskussionen rückwärtsgewandt und tragen nichts zur Lösung des aktuellen Problems bei, zweitens bergen sie ein enormes Konfliktpotenzial und drittens sind sie ein Indiz dafür, dass der Glaube an den Projekterfolg schwindet.

Schuldzuweisungen sind ein Alarmzeichen. Sie weisen auf Entmutigung, Resignation und Fluchttendenzen hin. Die Suche nach einem Sündenbock sollte daher als Warnsignal verstanden werden, das auf eine aufziehende Projektkrise hindeutet – und vom Projektleiter ein ebenso überlegtes wie entschiedenes Handeln erfordert.

Im Zeichen einer aufkommenden Projektkrise

Wenn eine Projektkrise droht, laufen im Lenkungsausschuss häufig zwei emotionale Prozesse parallel ab. Zum einen verlieren die Beteiligten die Zuversicht, die Projektziele noch erreichen zu können; zum anderen versuchen sie, die Schuld von sich zu weisen und einen Schuldigen auszumachen. Genau diese Erfahrung musste Lukas W. machen: Die versammelten Manager fanden in ihm den geeigneten Blitzableiter für ihren aufgestauten Frust und konnten zugleich einander bekunden, selbst mit dem Schlamassel nichts zu tun zu haben.

Foto: Gremlin auf istockphoto

Sandwich-Manager neigen zu Schuldzuweisungen

Besonders mittlere Führungskräfte neigen dazu, für Misserfolge nach Schuldigen zu suchen. In ihrer Sandwich-Position müssen sie immer wieder Entscheidungen ihrer Chefs vertreten, hinter denen sie selbst nicht wirklich stehen. Umgekehrt müssen sie Ziele erreichen und auch Projektergebnisse vorweisen, obwohl sie ständig mit strukturellen Defiziten zu kämpfen haben wie etwa fehlende Budgets oder eine unzureichende Ausstattung. Da liegt es nahe, anderen den Schwarzen Peter zuzuschieben, wenn eines der Projekte in Schwierigkeiten gerät.

Emotionale Kollateralschäden sind die Folge

Der Haken ist nur: Das Theater um den Schuldigen bringt weder das Projekt noch die Führungskraft nur einen Millimeter weiter. Im Gegenteil: Die Kollateralschäden sind gewaltig. Nimmt das Schwarze-Peter-Spiel erst einmal Fahrt auf und die Energie der Beteiligten widmet sich auf der Klärung der Schuldfrage, fehlen Zeit und  Kraft, sich mit den eigentlichen Problemen auseinanderzusetzen. Damit jedoch bleibt das Projekt endgültig auf der Strecke.

Besonnenheit ist das Gebot der Stunde

Doch was tun, wenn Du wie Lukas W. den Schwarzen Peter zugeschoben bekommst? Du stehst jetzt als derjenige da, der alles vermasselt hat. Als Projektleiter kannst Du Dich jetzt weder auf die Solidarität Deines eigenen Projektteams verlassen noch auf die Rückendeckung des Managements. Das zu schlucken, kann den Puls schon beschleunigen. Dennoch lautet die Empfehlung: gelassen bleiben! Wenn Du aggressiv und erregt reagierst, wird das Projektumfeld darin die Beschuldigungen eher bestätigt sehen. Nimm Dir deshalb erst einmal etwas Bedenkzeit, bevor Du Stellung nimmst.

Sich in vier Schritten erfolgreich zur Wehr setzen

Erfahrene Projektleiter verkneifen es sich, in das Schwarze-Peter-Spiel einzusteigen. Stattdessen blicken sie nach vorne und versuchen den Schaden zu begrenzen. Gemeinsam mit den Teammitarbeitern suchen sie nach Auswegen. Dabei geht es vor allem um eines: Anstatt an den Symptomen herumzudoktern und Flickschusterei zu betreiben, erarbeiten sie Lösungsvorschläge, auch und gerade um die Führungsriege zu überzeugen.

Die Vorgehensweise lässt sich in vier Schritte gliedern:

  1. Mach eine Bestandsaufnahme. Finde heraus, wo Du mit Deinem Projekt wirklich stehst. Das gelingt am ehesten in Vier-Augen-Gesprächen, denn selbst in Deinem Team wird niemand gerne als erster die Katze aus dem Sack lassen und zugeben, wie groß die Probleme tatsächlich sind.
  2. Prüfe, woran das Projekt krankt. Nur wenige Projekte geraten durch hereinbrechende Katastrophen oder andere äußere Gründe in Schwierigkeiten. Die Ursachen liegen meist im Projekt oder in dessen Umfeld begründet. Die Gründe sind oft vielschichtig. Mal rächt sich die mangelnde Vorbereitung des Projekts, mal sorgt eine zu optimistische Planung für Probleme. Es ist deshalb wichtig herauszufinden, an welchen Versäumnissen das Projekt tatsächlich krank.
  3. Leite Sofortmaßnahmen ein. Wenn es erste Absetzbewegungen gibt und die Suche nach Schuldigen begonnen hat, bleibt Dir als Projektleiter nur noch wenig Zeit. Analysiere die Situation, spiele mögliche Szenarien durch – und leite sofort erste Maßnahmen ein, um das Projekt zu drehen. Die Führungsriege will jetzt schnell erste ermutigende Erfolge sehen!
  4. Stelle das Vertrauen wieder her. Die Suche nach Schuldigen ist ein Indiz dafür, dass die Beteiligten das Vertrauen in den Projekterfolg verloren haben und glauben, das Unheil sei nicht mehr abwendbar. Zumindest möchte das Management jetzt wissen, wo es im Projekt hakt und „wie wir jetzt gemeinsam weiter vorgehen können“. Mit „gemeinsam“ ist allerdings gemeint, dass Du als Projektleiter eine Lösung anbietest! Um das Vertrauen wieder herzustellen, kommt es jetzt darauf an, der Führungsetage eine Lösung für die aktuellen Probleme zu präsentieren.

Survival-Tipps

  • Nehme es ernst, wenn bei Schwierigkeiten im Projekt plötzlich die Suche nach Schuldigen beginnt – verstehe es als Warnsignal, das auf eine aufziehende Projektkrise hindeutet.
  • Bleibe gelassen, wenn man Dich zum Sündenbock machen will. Viele Konfliktsituationen lassen sich bereits entschärfen, wenn Du nicht sofort darauf reagierst.
  • Werde aktiv, wenn Dir die Führungsetage bei Schwierigkeiten den Schwarzen Peter zuschiebt. Finde heraus, worin das Problem wirklich besteht.
  • Präsentiere der Führungsetage eine Lösung für die aktuellen Probleme. Damit kannst Du auch auf elegante Weise deutlich machen, dass die Ursache für die Schwierigkeiten weder bei Dir noch bei einer anderen Person liegt.
  • Wenn bereits frühzeitig absehbar ist, dass ein Projekt in Schwierigkeiten geraten dürfte und Du in die Rolle des Sündenbocks kommen könntest, ist es sinnvoll, sich abzusichern. In diesem Fall solltest Du Entscheidungen und andere wichtige Vorgänge gut dokumentieren.